No 42/16.10.1996



Bauvorhaben am «Tossebierg»
Lyzeum kontra Römersiedlung

 

Die Regierung trägt sich mit der ernsthaften Absicht, auf dem Tossenberg. zwischen Mamer und Bartringen. ein sechstes Lyzeum zu errichten. Das wurde am vergangenen 6. August bekannt, als der Staatssekretär im Bautenministerium, Georges Wohlfart und der Bürgermeister von Mamer, Henri Hosch, sich das Gelände gemeinsam ansahen.

 

Die Regierung hatte mit offenen Karten gespielt und ihr Vorhaben unverzüglich publik gemacht. Das hat verschiedene Archäologen auf den Plan gerufen, die genau an diesem Standort die Überreste einer alten gallo-römischen Siedlung ausgemacht haben wollen. Sie erinnern mit Nachdruck an den «Skandal» von 1973, als wertvolle Überreste beim Bau der Schnellstraße dem Bagger zum Opfer fielen. Claude Wolf wollte wissen, was es damit auf sich hat. Ute Metzger (Fotos) sah sich in Mamer um.

 

 

Die Wahl des Standortes Mamer ist einerseits dadurch bedingt, dass die Regierung davon absehen wollte, noch ein weiteres Lyzeum in der Hauptstadt zu bauen und andererseits durch statistische Erhebungen, wonach fast 600 Schüler des Untergrades des postprimären Unterrichts aus dem Kanton Capellen kommen. Daraufhin wurde der Mamer Bürgermeister gebeten, der Regierung ein geeignetes Terrain zu suchen. Er machte den Vorschlag, das Lyzeum am Tossenberg anzusiedeln.

 

Bereits bei der Besichtigung hatte der Verwalter des Bautenministeriums, Regierungsrat Fernand Pesch, selbst ein Bewohner der Mamer Gemeinde, auf mögliche archäologische Überreste hingewiesen. Tags darauf ging ein entsprechender Hinweis an das Kulturministerium.

 

Die «Georges Kayser Altertumsfuerscher» jedoch läuten die Alarmglocke. Sie sind nämlich überzeugt davon, dass sich auf dem Bauterrain umfangreiche Überreste einer römischen Siedlung befinden.

 

AUF DEN SPUREN DER VERGANGENHEIT

Spuren dieser gallo-römischen Stadt waren in der Tat 1973 ausgemacht worden, als die Straße am Tossenberg gebaut wurde. Schutz und Wahrung archäologischer Funde waren damals noch kein Thema. Es war nur der Reaktion eines Privatmannes zu verdanken, dass die Baggerarbeiten vorübergehend gestoppt, Notgrabungen durchgeführt und das Notwendigste dokumentiert wurde. Damals waren auf einer 200 x 80 m großen Fläche Maueranlagen aus der Römerzeit freigelegt worden. Die Altertumsforscher schließen daraus, dass sich auf einer etwa 12 Hektar großen Fläche ein kompletter gallo-römischer Vicus (größere dörfliche Ansiedlung) befindet.

 

Die Überreste der Siedlung, die auf das 1. Jahrhundert datiert werden, würden zwar durch den Bau der Schule nicht direkt in Mitleidenschaft gezogen werden, dafür aber durch die Infrastrukturarbeiten. «Der Staat darf doch wohl nicht derjenige sein, der archäologisch wertvolles Gebiet kaltschnäuzig überbaut. In der Gemeinde Mamer ist garantiert auch ein anderer Standort für den Bau des Lyzeums auszumachen», fordern die Archäologen, denen sich u.a. die Vereinigung der Geschichtsprofessoren angeschlossen hat.

 

DIE STIMME DER VERNUNFT

Im Museum ist der Ton gemäßigter. Mitte Oktober werden Fachleute der Universität Kiel erwartet. Sie erhielten den Auftrag, mit hochmodernen Methoden geotechnische Erhebungen verschiedener Standorte, darunter auch der Mamer «Tossebierg», zu machen. «Diese Technologien sind durchaus verläßlich und werden aufzeigen, was an wertvollen Überresten vorhanden ist. Aufgrund dieser Informationen wird die Regierung entscheiden, ob sie das Lyzeum am Tossenberg baut oder sich nach einem anderen Standort umsieht», heißt es mit der Bemerkung, die primäre Aufgabe der Archäologie bestehe ja eigentlich darin, wertvolle Überreste aus vergangenen Zeiten auszugraben, zu vermessen, zu analysieren und auszuwerten. Das gehöre, z.B. in der Hauptstadt, zum Alltag der Archäologen. Es sei nicht ihre Aufgabe, das Land in eine einzige Grabungsstätte zu verwandeln oder daraus ein Freilichtmuseum zu machen. Es gibt nämlich über tausend gal­lorömische Standorte in unserem Land. Wenn wir alle bewahren wollten, würde wohl kaum noch eine Autobahn, eine Cité oder ein Industriegebiet gebaut werden können.

 

Die staatlichen Archäologen sind weniger zuversichtlich als die «Georges Kayser Altertumsfuerscher». Die Messungen könnten durchaus darauf schließen lassen, dass die Überreste kaum der Rede wert seien, versucht man den Katastrophenmeldungen der Hobby-Archäologen gegenzusteuern. «Was spricht dagegen, dass man die archäologischen Funde in das Lyzeum mit einbezieht und als didaktisches Material verwendet. Ausgrabungen verlangen Pflege und Unterhalt, sonst fordert die Natur ihre Rechte zurück. Warum sollte man diese Aufgabe nicht einfach dem Lyzeum übertragen?», so Fernand Pesch. Die Vereinigung der Geschichtsprofessoren läßt sich nicht so schnell abspeisen. Die geotechnischen Messungen sind ihnen nicht verläßlich genug, sie verlangen zusätzliche Ausgrabungen.

 

Laut Fernand Pesch sind die geotechnischen Erhebungen ein Bestandteil der Machbarkeitsstudie. Wenn sich herausstellen würde, dass der archäologische Standort geschützt werden sollte, werde man sich nach einem neuen Baugelände umsehen. Bis dahin jedoch sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden.

Claude Wolf

 

 

Die Schule auf der grünen Wiese

 

Ein präzises Projekt für die in Mamer zu errichtende Schule liegt bislang noch nicht vor. Gewußt ist lediglich, dass ein Neubau geplant ist, der auf etwas mehr als 1 Milliarde Flux veranschlagt wird. Die Rede war von rund 1200 Schülern, die dort in den drei Unterstufen des klassischen und technischen Sekundarunterrichts, sowie des 'Préparatoire' unterrichtet würden.

 

Der ausgemachte Standort liegt etwas außerhalb des Wohngebietes von Mamer, auf einem 4,7 Hektar großen Gelände an der Arloner Straße, kurz vor der Abbiegung nach Kopstal. Die Regierung argumentiert damit, dass er mit dem Zug (zum Bahnhof sind es 10 Minuten) sowie mit dem Fahrrad gut zu erreichen ist.

 

Das Projekt soll einen vorrangigen Platz auf dem neuen Prioritätenplan der Regierung einnehmen, der möglicherweise in den nächsten Wochen erstellt werden könnte.