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Neuere Funde
aus dem Bereich des östlichen Gräberfeldes
Michel
Polfer
Ein technik- und wirtschaftsgeschichtlich
interessantes Relieffragment aus Mamer-Tossenberg
(in:
Hémecht 1988/4, SS. 527-540)
Im folgenden Aufsatz
werden, ausgehend von einem Fundstück Luxemburger Provenienz, einige Ergebnisse
einer vom Verfasser unter der Leitung von Prof. Dr. J. Martin am Seminar für
Alte Geschichte der Universität Freiburg im Breisgau angefertigten
Staatsexamensarbeit zum Thema "Landtransport in der römischen Kaiserzeit" in
verkürzter Form vorgelegt.
1. Einleitung
Es gibt wohl kaum
eine Diskussion innerhalb der Alten Geschichte, die zur Zeit heftiger und
kontroverser geführt würde, als diejenige um die Natur des antiken
Wirtschaftslebens und insbesondere den Stellenwert von marktorientierter
Produktion und Handel innerhalb der antiken Wirtschaft
(die
Entwicklung der Diskussion mit Zusammenfassung der wichtigsten Beiträge seit
Ende des 19. Jh. bei Helmuth Schneider: .Einleitung' in: ders. (Hrsg.): Sozial-
und Wirtschaftsgeschichte der römischen Kaiserzeit, Darmstadt, 1981, 1-28 hier
bes. 1-15 = Wege der Forschung, Bd. 552).
Zwar wird das von
A.H.M. Jones
(A.H.M. Jones: The later Roman Empire 284-602. A social,
economic and administrative survey. 2 Bde., Oxford, 1964. z. B. Bd. 2, 769:
".the paramount importance of agriculture can scarcely be exaggerated". Vgl.
auch die Rezension von P. Brown: The later Roman Empire in: EHR 20 (1967),
327-343) und besonders von M. I. Finley (M. I. Finley: The Ancient Economy,
Berkeley / Los Angeles, 1973, deutsch: Die antike Wirtschaft, München, 1977)
herausgehobene Primat der Landwirtschaft für die Wirtschaft der römischen
Kaiserzeit heute allgemein akzeptiert, man hat sogar von einer "new
orthodoxy"
als Reaktion auf die von der kritiklosen Übernahme moderner
marktwirtschaftlicher Konzepte geprägte Sicht von M. Rostovtzeff
(M. Rostovtzeff: The Social and Economic History of the
Roman Empire Oxford, 1926, 2 1957 rev. by P. M. Fraser.)
sprechen können. Gleichzeitig aber wird der Stellenwert von Handwerk, Handel und
Landwirtschaft innerhalb dieses neuen Modells heftig und kontrovers diskutiert,
und dies aus gutem Grund: Die Einsicht in die aus der industriellen Revolution
des 19. Jh. hervorgegangenen qualitativen Veränderungen der ökonomischen
Bedingungen entbindet keineswegs von einer differenzierten Untersuchung der
wirtschaftlichen Entwicklung in den vorindustriellen Gesellschaften. Eine
Sichtweise nämlich, die lediglich die bei den Stufen der Primitivität und der
Moderne unterscheidet, verstellt den Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklungen in und die Unterschiede zwischen den vorindustriellen
Gesellschaften und könnte sich so als ebenso unfruchtbar für die
Geschichtswissenschaft und insbesondere die Althistorie entpuppen, wie das
überwundene "modernistische' Modell"
(Die Warnung davor, alle vorindustriellen Gesellschaften
für gleichermaßen primitiv zu halten, in der Rezension von M. I. Finley's "Die
römische Wirtschaft" durch M. W. Frederiksen "Theory, Evidence and the Ancient
Economy". in: JRS 65 (1975), 164-171.).
Auch in der
archäologischen Forschung sind Fragen zum römischen Handel in den letzten Jahren
wieder verstärkt ins Zentrum des Interesses gerückt (Methodische
Fragen bei: Stjernquist, Berta: "Methodische Überlegungen zum Nachweis von
Handel aufgrund archäologischer Quellen." in: Düwel, Klaus u. a. (Hrsg.):
Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in
Mittel- und Nordeuropa, Teil I, Göttingen. 1985, 56-83 sowie bei Renfrew, Colin:
"Trade as Action at a distance: Questions of Integration and Communication." in:
Sabloff, Jeremy A. und Lamberg-Karlovsky, C. C. (Hrsg.): Ancient civilisation
and trade. Albuquerque, 1975. 3-59 besonders 39 ff.).
Dem liegt wohl die Erkenntnis zugrunde, daß Untersuchungen zum Handel die beiden
bisher oft getrennt behandelten Gebiete der Sozialstruktur und der materiellen
Kultur einer Gesellschaft auf fruchtbare Art und Weise verbinden, daß der Grad
der Organisiertheit einer Gesellschaft und deren Entwicklung nicht zuletzt an
der Häufigkeit und Form von Austauschvorgängen innerhalb dieser Gesellschaft
gemessen werden können
(Zu wirtschaftsethnologischen Konzepten der verschiedenen
Distributionsformen und der Definition von Handel vgl. Köhler, Ulrich: "Formen
des Handels aus ethnologischer Sicht." in: Düwel (wie Anm. 6), 13-55 ebenso
Polanyi, Karl: "Traders and Trade." in: Sabloff/Lamberg-Karlovsky (wie Anm. 6),
135-154 sowie Dalton, George: ."Karl Polanyi's Analysis of long Distance Trade
and his Wider Paradigm." ibid., S. 63-132).
So mehren sich in den
letzten Jahren in der Forschung die Hinweise darauf, daß M. I. Finley's "The
Ancient Economy" die Bedeutung des Handels für die Wirtschaft der römischen
Kaiserzeit doch wohl unterschätzt hat. Neben Faktoren wie handelsfreundlicher
oder -feindlicher Ideologie
der Oberschichten des Imperium Romanum
(Hierzu D'Arms,
J. H.: Commerce and Social Standing in Ancient Rome Cambridge, London, 1981.
sowie derselbe: M. Rostovtzeff and M. I. Finley: "The status of traders in the
Roman World." in: Ancient and Modern. Essays in Honor of G. F. Else. Ed. by J.
H. D'Arrns and J. W. Eadie Ann Arbor, 1977, 159-180),
Geldumlauf
(Vgl. hierzu Crawford, M.: "Money and Exchange in the
Roman World." in: JRS 60 (1970), 40-48 sowie Hopkins, K.: "Taxes and Trade in
the Roman Empire (200BC-AD400)". in: JRS 70 (1980), 101-125),
marktorientierter Produktion
(Vgl. z. B. die Untersuchung des pompeianischen
Wollhandels bei Moeller, Walter, 0.: The Wool Trade of Ancient Pompeii. Leiden,
1976, bes. 107-111.)
sowie Nachfrage der ländlichen Bevölkerungsgruppen
(Eine Zusammenfassung der vorliegenden Ergebnisse stellt
m. E. ein dringendes Desiderat dar.
Zu den Aussagen keramischer Funde vgl. z. B. Peacock, D.P.S. und Williams, D.
F.: Amphorae and the Roman Economy. An introductory guide. London, 1986 bes.
54-66 mit weiterer Literatur, sowie Pucci, G.: ,Pottery and trade'. In
Garnsey/Hopkins/Whittaker (Hrsg): Trade in the Ancient Economy, London, 1983,
105-107. Vor allem das Verhältnis Stadt-Land bei der Versorgung der ländlichen
Bevölkerung mit handwerklichen Produkten verdient genauere Untersuchung, ebenso
die Rolle ländlicher Märkte. Einige Hinweise zu vici bei Fulford, Michael: ,Town
and Country in Roman Britain. A parasitical relationship?' in: Miles, David
(Hrsg.): The Rornano-British Countryside. Studies in Rural Settlement and
Economy Oxford, 1982, 403-419. = BAR British Series 103 (Bd. 1 u. 2) zum
letzteren: Nolle, Johannes: Nundinas instituere et habere. Epigraphische
Zeugnisse zur Einrichtung und Gestaltung von ländlichen Märkten in Afrika und
der Provinz Asia. Hildesheim, Zürich, New York, 1982 sowie Leaday, A.: Rural
settlement in Central Gaul in the Roman Period. Oxford 1980, bes. 202 ff. = BAR
Internat. Series 73, 1 und Petrikovits, H. von: ,Römischer Handel am Rhein und
an der oberen und mittleren Donau'. in: Düwel 1985 (wie Anm. 6), 299-336, hier
309-311.),
kommt bei der Einschätzung des Stellenwertes, den der Handel für die Wirtschaft
der römischen Kaiserzeit hatte, natürlich auch dem Transportwesen und seiner
Leistungsfähigkeit herausragende Bedeutung zu.
Natürlich würde
der Versuch, eine Gesamtdarstellung des römischen Transportwesens oder auch nur
des Transportes über den Landweg mit allen relevanten Faktoren (z. B.
Transportmittel, absolute und relative Kosten, Infrastruktur etc.) zu geben, den
Rahmen dieses Aufsatzes bei weitem sprengen. Immerhin aber bietet ein bislang
unveröffentlichtes
(Lediglich kurz erwähnt bei Gerard Thill: Rapport du
Conservateur 1975 in: PSH XCI (1977), 391.)
provinzialrömisches Relieffragment aus den Beständen des Landesmuseums Luxemburg
(Musee d'Histoire et d'Art, Inv.-Nr. 1975-76/3440.)
die Gelegenheit, auf einen sehr wichtigen Aspekt des römischen Transports über
den Landweg, nämlich die Leistungsfähigkeit der römischen Anspannmethoden,
näher einzugehen.
2. Fundumstände und Datierung
Das
linke Teil des Fragments wurde 1975 bei Strassenarbeiten an der Arlonerstrasse
in Mamer, in Richtung Tossenberg, unweit des damals noch bestehenden
"Flugzeugrestaurants", von
einem Privatmann, Herrn J. P. Clemens aus Mamer, gefunden.
Nach Auskunft des Finders befanden sich bei dem Relieffragment auch mehrere 50 x
80 cm grosse, unverzierte Steinplatten. Es bestehen leider keine Aufzeichnungen,
aus denen sich weitere Einzelheiten über die genaue Lage oder Fundsituation
erschließen ließen. Am 15. September 1975 hat Herr Clemens
seinen Fund uneigennützigerweise dem Staatsmuseum Luxemburg geschenkt.
(Foto: Staatsmuseum Luxemburg, A. Biewer)
.3. Beschreibung
Da über die Fundlage leider
keine Informationen vorliegen, sind wir somit für die Datierung auf die
allgemeinen stilistischen Eigenschaften des Reliefs, sowie auf die Tatsache,
daß es sich offensichtlich um ein Fragment einer Wagenszene im Rahmen eines
provinzialrömischen Grabmonumentes handelt, angewiesen. Beides spricht für
einen zeitlichen Ansatz des Fragmentes in die mittlere Kaiserzeit (2.-3. Jh.
n. Chr.).
Es handelt sich
um ein 44 cm breites und 35 cm hohes, an allen 4 Seiten beschädigtes Fragment
eines Kalksteinreliefs. Die Darstellung zeigt ein nach links gehendes oder
laufendes Zugtierpaar in Profilsicht. Es dürfte sich eher um Maultiere denn um
um Pferde handeln. Es handelt sich bei dem Relieffragment zweifellos um den
Teil einer Wagenfahrtdarstellung im Rahmen eines grösseren Grabmonumentes.
Die Darstellung
zeigt ein nach links gehendes oder laufendes Zugtierpaar in Profilsicht.
Leider ist nur die vordere Körperhälfte der Tiere bis zur Kniehöhe erhalten,
es fehlen somit sowohl die zweite Körperhälfte der Zugtiere als auch das
dazugehörige Fahrzeug samt Fahrer. Vom rechten Zugtier sind in Folge der
Profilsicht nur ein kleiner Teil des Kopfes sowie der Bugspitze und der obere
Teil eines Vorderbeines sichtbar.
 
Die Bestimmung
der Zugtiere kann nicht mit letzter Sicherheit vorgenommen werden, es dürfte
sich aber eher um Maultiere denn um Pferde handeln.
Pferde treten
sowohl in der antiken Bildenden Kunst als auch in der antiken Literatur nur
selten als Zugtiere in Erscheinung. Dies hat aber nichts mit der angeblich
inadäquaten Anschirrrmethode zu tun (hierzu weiter unten), denn die hätte auch
die Verwendung von Maultieren stark einschränken müssen, die Erklärung muß
vielmehr in anderen Faktoren gesucht werden:
-
Pferde
genossen in der gesamten Antike ein hohes Ansehen. ,Viliora ministeria'
wie das Bewegen von Mühlen oder das Ziehen von Lasten wurde nur störrischen
oder altersschwachen Tieren zugemutet, und galt als Schande (vgl. z. B.
Apul. Met. 9, 11-13; Iuv. 8,66 allgemein hierzu auch Vigneron, P.: Le cheval
dans l'antiquité greco-romaine, 2 Bde, Nancy, 1968, 177ff).
Pferdefleisch gehörte nicht zum Speiseplan der Antike, es wurde nur in
äußersten Notsituationen verzehrt.
-
Die Antike
verfügte nicht über die im Mittelalter und der Neuzeit als Zugtiere
eingesetzten schweren Kaltblutrassen. In puncto Ausdauer und
Widerstandsfähigkeit sind aber Maultiere leichten Warmblütern als Zugtiere
überlegen (vgl. hierzu z. B. Landels, J. G.: Die Technik in der antiken
Welt. München, 1980, 108f. sowie Azzaroli, Augusto: ,Pferdekundliche
Anmerkungen' in: Die Pferde von San Marco. Berlin, 1982. 95-99 und Luff ,
Rosemary-Margaret: A zooarchaeological study of the Roman North-western
Provinces. Oxford, 1982, 71 u. 256 = BAR Internat. Ser. 137).
Was das
Relieffragment aber so interessant macht, ist die detailgenaue Wiedergabe des
Geschirrs am linken Zugtier: Von der infolge der Beschädigung des Reliefs leider
nicht mehr zu erkennenden Kandare
(zu römischen Kandaren vgl. Lawson, Annabel, K.: „Studien zum
römischen Pferdegeschirr“ in: Jb.RGZM 25 (1978), 137ff.)),
laufen zwei Kopfriemen schräg nach oben: ein Backenriemen bis hinter das Ohr des
Zugtieres, ein zweiter Riemen tiefer an der Kehle entlang bis unter das feste
Oberteil des linken Jochteils.
Überaus
interessant sodann die Einzelheiten dieses linken Teiljoches: ein festes oberes
Teil, wohl aus Holz, ist über einen Lederriemen und eine Schnalle mit einem
beweglichen unteren Teil, einem breiten Stoff- oder Lederband verbunden. Das
Joch sitzt ungefähr auf halber Höhe des Halses auf und ist mittels eines schräg
nach unten, hinter die Vorderbeine des Tieres laufenden breiten Gurtes mit einem
ebenso breiten Bauchgurt verbunden.
Auf dem höchsten
Punkt des Jochoberteils läßt sich eine kreisförmige Erhöhung feststellen, wohl
eher ein Zügelführungsring als ein figürlicher Jochaufsatz. Solche Ringe
gehören, genau wie anderes Wagenzubehör (etwa Achs- oder Reibnägel) relativ
häufig zum Fundinventar römischer Gutshöfe, ein wichtiger Hinweis auf den
breiten Einsatz von Landfahrzeugen im landwirtschaftlichen Bereich
(für Luxemburg vgl. z. B. die Funde von Rippweiler-„Laach" bei Gerard Thill:
Rapport du Conservateur 1975, Annexe 1, Planche III, in: PSH XCI (1977).
Über dem Rücken der Zugtiere
verlaufen, deutlich erkennbar, 3 der zu erwartenden 4 Zügelnemen.
4.
Interpretation
Es handelt sich bei dem
von uns beschriebenen Relieffragment zweifellos um den Teil einer
Wagenfahrtdarstellung im Rahmen eines größeren Grabmonumentes.
Darstellungen von
Wagenfahrten sind in der römischen Grabkunst keineswegs eine Seltenheit (im
Rahmen seiner Staatsexamensarbeit konnte der Verfasser über 170
Reliefdarstellungen von Landfahrzeugen allein aus publiziertem Material
zusammenstellen, ohne auch nur für die am leichtesten zugänglichen Reichsteile
Gallien, Germanien und Donauprovinzen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu
wollen).
In
einigen Fällen hat man solche Szenen, sicherlich zu Unrecht, pauschal im Sinne
einer „Reise ins Jenseits“ interpretiert (hierzu
Weber, Winfried: Die Darstellung einer Wagenfahrt auf römischen Sarkophagdeckeln
und Loculusplatten des 3. und 4. Jahrhunderts n. Chr., Rom, 1978, 121ff
(=Archaeologica 5)).
In
Wirklichkeit gilt es bei der Interpretation, Herkunft des Reliefs und
dargestellten Wagentyp sowie den Gesamtzusammenhang, in dem die Wagenszene im
Grabmonument steht, zu beachten: So scheinen die Wagenfahrtszenen aus dem
pannonischen Raum die in keltischer Zeit dort stark verbreitete und bis in die
kaiserzeitliche Epoche weiterlebende Sitte der Wagenbestattung zu spiegeln (hierzu
Sägi, Karoly, Rappresentazione del carro sui monument i sepolchrali della
Pannonia Imperiale in: Archaeologiai Ertesitö 5-6 (1944/45), 232-248 u. Taf.
LXXIX-XC. Zu den kaiserzeitlichen Wagengräbern allgemein vgl. Röring, Ch. W.:
Untersuchungen zu römischen Reisewagen Koblenz, 1983, insbes. 47ff. Eine
Zusammenstellung aller Wagenfunde auch bei Boube-Piccot, Christiane: Les bronzes
antiques du Maroc. 111. Les chars et I'attelage. Rabat, 1980, Appendix 11-111.
Zu den pannonischen Wagengräbern der Kaiserzeit vgl. auch Palagyi, S. K.: .Die
römischen Hügelgräber von Inota.
in: Alba Regia 19 (1982), 7-93.),
stadtrömische WagendarsteIlungen auf Grabreliefs, die stets ganz bestimmte
Wagentypen zeigen, müssen wohl eher als Zeichen für die herausgehobene soziale
Stellung des oder der Verstorbenen gedeutet werden (vgl.
hierzu Weber, Winfried: ,Das Ehrenrecht des Wagenfahrens in römischen Städten'.
in: Spätantike und frühes Christentum. Frankfurt a. M., 1983,308-311. sowie
derselbe: Wie Anm. 20, passim.).
Die besonders
zahlreichen Gespanndarstellungen aus dem nordgallischen Raum dagegen (eine
wegweisende Zusammenstellung und Auswertung dieser Reliefs bei Raepsaet, G.:
,Attelages antiques dans le Nord de la Gaule. Les Systemes de
Traction par Equides'. in: Trierer Zeitschrift 45 (1982), 215-273),
zu denen auch unser Fragment gehört, reihen sich ein in die in diesem Gebiet so
beliebten Darstellungen von Szenen aus dem Alltagsleben des oder der
Verstorbenen.
Andere, vollständig erhaltene Reliefs
aus dem Gebiet der Civitas Treverorum zeigen die verschiedenen ,Typen' dieser
Wagenszenen aus dem alltäglichen Leben:
 
Abb. 3,1: Igel
- Fahrt im leichten,
zweirädrigen Reisewagen
(FO
Igel, Esperandieu, E.: Recueil General des Bas-Reliefs, Statues et Bustes de la
Gaule Romaine, 15 Bde , Paris, 1907-1966, hier IV, 3232. Bildnachweis: Raepsaet
(wie Anm. 23), Nr. 17, S. 224 und Tafel 7, I).
 
Abb.
3,2: Arlon -
Lastenbeförderung im zweirädrigen
Korbwagen
(FO
Arlon, Esperandieu V, 4031. Bildnachweis: Raepsaet (wie Anm. 23), Nr. 1, S. 217
u. Tafel 1,1.).
 
Abb. 3,3:
Arlon -
Fahrt im vierrädrigen Reisewagen,
(FO Arlon, Bildnachweis: Mertens, J.: Nouvelles sculptures
romaines d'Arlon. Bruxelles, 1967, 153-160 u. Tafel 12a)
 
Abb.
3,4 :Trier -
oder Lastenbeförderung im schweren,
vierrädrigen Lastwagen
(FO
Trier, Bildnachweis, Weber, W.: „Der Wagen in Italien und in den römischen
Provinzen“. in: Treue, W. (Hrsg.): Achse, Rad und Wagen. Fünftausend Jahre
Kultur- und Technikgeschichte. Göttingen. 1986, 85-108, hier Abb. 6.).
Da es sich in unserem
Fall um ein Doppelgespann mit zentraler Deichsel handelt, kommen für die
Ergänzung wohl nur die beiden letzten Möglichkeiten in Frage, da zweirädrige
Fahrzeuge im kaiserzeitlichen Nordgallien in der Regel die für diesen Raum
typische Deichselgabel aufweisen.
5. Zur wirtschafts geschichtlichen Bedeutung des Reliefs
aus Mamer- Tossenberg
Bis in modernste
Darstellung der Geschichte der Technik im Altertum läßt sich eine sehr negative
Beurteilung der Leistungsfähigkeit antiker Landfahrzeuge verfolgen, welche mit
einem angeblich grundlegenden Mangel der antiken Anspannmethode begründet wird (so
z. B. bei Kunow, Jürgen: Negotiator et Vectura. Händler und Transport im Freien
Germanien Marburg, 1980, 19. oder White, K.D.: Farm equipment of the Roman World
Cambridge, 1975,20. oder Landeis, J.
G.:
Die Technik in der antiken Welt. München, 1980,20.
(Originalausgabe: Engineering in the Ancient World, London, 1978)).
Die im Altertum
angewandte Anspannmethode für Pferde habe einfach in der Übernahme des für
Ochsen gebräuchlichen Doppeljoches bestanden. Durch diese den physiologischen
Eigenschaften des Pferdekörpers nicht Rechnung tragende Art und Weise des
Anspannens, bei der das Joch auf dem Nacken der Tiere ruht, sei der Hals der
Tiere beim Ziehen zusammengedrückt worden, die Erstickungsgefahr habe somit den
Wirkungsgrad der Pferdegespanne erheblich eingeschränkt. Erst mit der Erfindung
des der Anatomie der Pferde angepaßten Kummetes im Mittelalter sei ein
effizienter Einsatz von Pferden als Zugtiere möglich geworden.
Bei näherer
Betrachtung stellt sich aber heraus, daß dieses negative Urteil, das wie wohl
kein anderer Einzelaspekt der Technikgeschichte schwerwiegende Folgen für die
Gesamtbeurteilung des römischen Wirtschaftslebens gezeitigt hat, auf einer
einzigen, bereits 1931 vorgelegten Untersuchung beruht (Lefebvre
des Noettes, R.J.E.C.: L'attelage et Ie cheval de seile à travers les àges. Une
contribution à l'histoire de l'esclavage. Paris, 2 Bde., 1931),
deren angeblich ,gesicherten Ergebnisse' anhand einer nur oberflächlichen
Zusammenstellung und Auswertung antiker Reliefdarstellungen gewonnen wurden (hierzu
auch Raepsaet (op. cit.), 215f).
Zu dem angeblich
grundlegenden Mangel der antiken Anspannmethode drängen sich in Wirklichkeit
zwei Bemerkungen auf:
1.
Die angebliche
Ineffizienz der Anspannmethode betrifft lediglich Pferde (und Maultiere?),
Ochsen werden auch heute noch auf genau dieselbe Art und Weise angespannt.
2.
In den letzten Jahren
sind einige Ergebnisse vorgelegt worden, die geeignet erscheinen, Lefèbvres
These vollständig in Frage zu stellen (hierzu
Spruytte, J.: Etudes expérimentales sur l'attelage. Contribution à l'histoire du
cheval. Paris, 1977. sowie Raepsaet, G.: ,La faiblesse de l'attelage antique: la
fin d'un mythe?' in: L'Antiquité Classique 48 (1979), 171-176 und ders. (op.
cit.).
Anhand
der Reliefdarstellungen lassen sich bei näherer Betrachtung nämlich 2
verschiedene Anspannmethoden unterscheiden:
a.
Im Mittelmeerraum
wird die Zugkraft der stets paarweise angespannten Zugtiere über ein
sogenanntes Widerrist- oder besser Rückendoppeljoch auf die zentrale
Deichsel übertragen. Dabei wird das Joch durch ein breites, den Hals der
Zugtiere an seinem äußersten unteren Ende, auf der Höhe der Bugspitze,
umschließendes Band gehalten.
Das Joch sitzt
aber nicht auf, sondern vor oder (meistens) hinter dem Widerrist. Die Kraft
geht von der Brust der Zugtiere aus, der Hals wird keineswegs zusammengedrückt
(Spruytte
(op. cit.), 53-69),
wie
Lefèbvre annahm.
b.
In den
nordwestlichen Provinzen tritt neben dem Doppel- auch das zwischen zwei
Deichselgabeln angebrachte Einzeljoch auf (vgl.
Abb.).
Das Joch sitzt hier in beiden Fällen stets vor dem Widerrist, das Band
umschließt den Hals des Zugtieres oberhalb der Bugspitze. Auch für diese Art
und Weise der Jochbefestigung läßt sich ein Zusammenschnüren der Kehle
ausschließen (vgl.
hierzu Raepsaet (op. cit.), 245 Anm. 130 mit weiterer Literatur).
Die Zuglast ruht
hauptsächlich auf dem Rücken bzw. den Schultern des oder der Zugtiere.
Dieser zweiten, für
Nordgallien und insbesondere das Treverergebiet typischen Anspannmethode, läßt
sich auch das auf unserem Fragment dargestellte Halsjoch mit zentraler Deichsel
zuordnen. Besonders interessant machen unser Relief aber dabei die bislang noch
nicht beobachteten breiten Gurte (Unbeobachtet wohl aufgrund des relativ
schlechten Erhaltungszustandes der meisten Reliefs.
Allerdings gilt es auch
zu beachten, daß viele Einzelheiten der römischen Grabreliefs lediglich
aufgemalt waren und somit unserer Beobachtung für immer entzogen sind), welche
die Zugkraft noch stärker auf den Schulter- und Halsbereich übertragen und somit
den Hals der Zugtiere weiter entlasten.
Ein stark
zerstörtes Relief des Landesmuseums Trier zeigt den Ansatz eines breiten Gurtes,
der wie in unserem Fall vom Jochoberteil schräg hinter die Vorderbeine des
Zugtieres zu laufen scheint. Allerdings ist das Fragment zu klein, um
entscheiden zu können, auf welche Weise der Gurt am Joch befestigt ist, bzw. ob
er in einen Bauchgurt übergeht
(vgl. Hettner, F.: Die römischen Steindenkmäler des
Provinzialmuseums zu Trier. Trier , 1893, 109L, Nr. 237. und Raepsaet (wie Anm.
23), Nr. 19, Tafel VIII, 3).
Unser
Relieffragment liefert also ein weiteres gewichtiges Argument gegen die These
der grundlegenden Defizienz dieser Anspannmethode !
Das negative Urteil der
bisherigen Forschung schien aber auch in den antiken Angaben zu Ladegewichten
von Landfahrzeugen eine Bestätigung zu finden:
So nennt das
diocletianische Preisedikt Frachtraten für einen Wagen mit einem Ladegewicht von
1200 röm. Pfund (=387,6 kg) (Ed.
Diocl. 17,3 (Giacchero, M. (Hrsg.): Edictum Diocletianii et Collegarum de
Pretiis rerum venalium in integre fere restitutum e latinis graecisque
fragmentis. Bd. I Edictum , Bd. 2 Imagines, Genua, 1974, hier Bd. I, 172 L)),
im Codex Theodosianus werden zulässige Höchstladungen für die verschiedenen
Wagentypen des Cursus Publicus festgelegt (Cod.
Theod. Liber8 Tit.5' De Cursu Publico '§8,17,28,30,47,48):
reda 1000 Pfund (323 kg), angaria 1500 Pfund (484,5 kg).
Und auch die
Reliefdarstellungen selber schienen Lefebvres These von der nur geringen
Leistungsfähigkeit antiker Gespanne zu beweisen:
So schätzte er das
Gesamtgewicht des „Tankwagens“ von Langres (Abb. 4) (FO
Langres. Esperandieu IV, 3232. Bildnachweis: Raepsaet (wie Anm. 23), Nr. 34, S.
229 Tafel 13,1.)
auf ca. 480 kg, für ihn die obere Leistungsgrenze der antiken Doppelgespanne
(Lefebvre
de Noettes (op. cit., Bd. 1, 87L).
 
Abb. 4
Aber auch diese Angaben
können bei einer genaueren Überprüfung nicht als Beweise für die bis heute in
der Forschung behauptete geringe Leistungsfähigkeit des antiken Landtransportes
herangezogen werden:
Die unter ,De
Cursu Publico' zusammengefaßten Bestimmungen des Codex Theodosianus sollten das
reibungslose Funktionieren der Staatspost sicherstellen, und Mißbräuche, die
Zugtiere und Wagen über Gebühr beansprucht hätten, verhindern. Dabei zeigt
bereits die Tatsache, daß solche Höchstbestimmungen erlassen wurden, daß es
technisch durchaus möglich gewesen sein muß, die Fahrzeuge schwerer zu beladen.
Außerdem sind in den Bestimmungen nirgends die Fahrgeschwindigkeit oder die
Länge der Etappen zwischen den Wechselstationen festgesetzt, was allein einen
Vergleich mit Transportkapazitäten moderner Fahrzeuge erlauben würde. Die
niedrig anmutenden Höchstlasten könnten durchaus dem Bestreben entwachsen sein,
sehr hohe Reisegeschwindigkeiten zu gewährleisten, und eine Überforderung der
Zugtiere durch unsachgemäße Behandlung zu verhindern (vgl.
Cod. Theod , 8,5,2).
Nimmt man für
einen Lastwagen ein Eigengewicht von ca. 500 kg an, ergibt sich bei 4 Zugtieren
eine Zuglast von ca. 250 kg/Zugtier. Zum Vergleich: Ende des 19. Jh. wurden
Artilleriekanonen (1595 kg) von 6 Pferden gezogen. Die Zuglast von 266
kg/Zugtier ermöglichte schnellen Transport auch in schwierigem Gelände und
ermöglichte so Tagesetappen von ca. 30 km
(vgl. Spruytte (wie Anm. 31) 128 Anm. 2).
Daß mit den
angegebenen Höchstlasten keineswegs die Grenzen der Leistungsfähigkeit der
antiken Landfahrzeuge ausgeschöpft wurden, zeigt u. a. die Tatsache, daß Wachen
aufgestellt werden, die die Einhaltung der Ladevorschriften überwachen sollen vgl.
Cod. Theod. 8,5,30),
und daß die Benutzung und Herstellung von größeren Wagentypen fortan unter
schwere Strafen gestellt werden (vgl.
Cod. Theod. 8,5,17).
Ebensowenig kann die
Angabe des diocletianischen Preisedikts in diesem Sinn interpretiert werden:
Mit 1200 Pfund ist die hier angegebene Höchstladung noch geringer als die des
Codex Theodosianus, außerdem wird weder angegeben, um welchen Wagentyp
(zweirädrig, vierrädrig?) es sich handelt, noch, welche und wie viele Zugtiere
das Gefährt aufweist.
Aber auch die
Darstellungen der Reliefs widerlegen bei genauerer Betrachtung die These
Lefèbvres von der gravierenden Ineffizienz der antiken Anspannmethoden. Dies
soll hier exemplarisch an dem von ihm selbst zur Stützung seiner These
herangezogenen „Tankwagen“ von Langres (Abb. 4)
demonstriert werden:
Selbst bei
Berücksichtigung der leicht verzerrten Wiedergabe kann die Länge des Fasses
schwerlich unter 1,70 m , seine Breite nicht unter 0,70 m betragen haben, was
einen Faßinhalt von mindestens 0,70 m3 ergibt. Das Gesamtgewicht des Tankwagens
dürfte also schwerlich unter 1500 kg betragen haben. (Wagen ca. 500 kg, leeres
Faß ca. 250 kg, Fahrer ca. 80 kg), die Ladung (Faß und Inhalt) nicht unter 950
kg.
Und hier handelt
es sich ja um ein lediglich von 2 Maultieren gezogenes Fahrzeug, ein Ochsenpaar
(für das eine Defizienz der Anspannweise überhaupt nicht angenommen werden kann)
ist sicherlich zu noch größeren Zugleistungen
fähig.
Man kann für den
Tankwagen von Langres bei Annahme eines Gesamtgewichts von 1 500 kg eine
Zugleistung auf hartem Untergrund von ca. 1225 Newton/Zugtier errechnen. Die
Durchschnittsleistung eines Pferdes liegt bei 4250 Newton, die eines Esels bei
2150 Newton (vgl.
Raepsaet (op. cit.), 244).
Auch mit mehr Zugtieren als einem Paar muß für besonders schwere Lasten
gerechnet werden (vgl.
hierzu Burford, Alison ,Heavy Transport in C1assical Antiquity' in: EHR 13
(1960), 1-18).
Zusammenfassend
muß man also sagen, daß von einer erheblichen Defizienz der antiken
Anspannmethoden, die die Nutzlast der Landfahrzeuge in gravierendem Maße
eingeschränkt hätte, nicht länger gesprochen werden kann. Nutzlasten von ca. 1
Tonne lagen durchaus im Bereich des Normalen (zum Vergleich: Bei modernen im
landwirtschaftlichen Bereich benutzten Lastwagen liegt die durchschnittliche
Nutzlast bei 1250 kg (hierzu
Raepsaet (op.cit.), 246).
Zu einem
Experiment, bei dem 2 mit einem nach antiken Darstellungen gestalteten
Rückenjoch angespannte Pferde unter schwierigsten Bedingungen ein Fahrzeug von
ca. 1000 kg problemlos ziehen (vgl.
Spruytte (op. cit.), 101-107);
daß sie darüber wohl nicht erheblich hinausgingen, hat andere, von der Forschung
bisher nicht beachtete Gründe:
Die Nutzlast eines
Fahrzeugs hängt nicht nur von der Zahl der Zugtiere und der Effizienz der
Anspannmethode ab, sondern in erster Linie auch von der Belastbarkeit des
Fahrzeugs selbst. In der Antike waren aber eiserne Achsschenkel bzw. Achsen
offenbar unbekannt, so daß die viel geringere Bruchfestigkeit der hölzernen
Achsschenkel die Ladekapazität einschränkte (Tragfähigkeit von Achsen aus
Eichenholz bei einer Spurbreite von 120 cm und einem Achsschenkeldurchmesser
von:
6 cm: ca. 300 kg
7 cm: ca. 600 kg
8 cm: ca. 900 kg
9 cm: ca. 1100 kg
(hierzu:
Hayen, H.: ,Handwerklich-technische Lösungen im vor- und frühgeschichtlichen
Wagenbau'. in: Jankuhn, H. (Hrsg.): Das Handwerk in vor- und frühgeschichtlicher
Zeit Teil 11: Archäologische und philologische Beiträge. Göttingen 1983,415-470,
hier 449. (= Abb. Akad. Wiss. Göttingen, Phil.-hist. Klasse, Dritte Folge, Nr.
123)).
6. Zusammenfassung
Von einer in der
bisherigen technik- und wirtschaftsgeschichtlichen Forschung angenommenen
schwerwiegenden Defizienz der antiken Anspannmethode kann in Wirklichkeit keine
Rede sein. Wir haben es in der römischen Kaiserzeit nach Aussage der
Reliefdarstellungen mindestens mit zwei verschiedenen Anspannmethoden und deren
Varianten zu tun, für keine kann aber bei näherer Betrachtung ein grundlegender
Mangel festgestellt werden. Überdies zeigen Neufunde wie das im Zentrum dieses
Aufsatzes stehende Relief aus Mamer-Tossenberg, daß unser Verständnis ihres
Funktionierens noch nicht vollständig ist, und somit das Bild in Zukunft sicher
noch weiterer Revisionen bedürfen wird. Das Relief aus Mamer ist dabei insoweit
wichtig, als es neue Anhaltspunkte gegen die bisherige These von der technischen
Unzulänglichkeit antiker Anspannmethoden liefert. |