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Die Gräber des gallo-römischen vicus von Mamer
Das östliche Gräberfeld

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Anthropologische Untersuchung der beiden Skelette vom Tossenberg
sowie der Leichenbrände an der Universität Giessen
von Prof. Dr. Manfred Kunter, Giessen
(Quelle: Den Ausgriewer 2003, Zeitung von den D’Georges Kayser Altertumsfuerscher, Joergang 13, Nummer 13)

  Befund 20

Befund 72

Repräsentanz: Unterkiefer vollständig, Oberkiefer zum Teil erhalten. Bis auf den Gesichtsschädel Schädel vollständig erhalten. Scapula (Schulterblatt), Sternum (Brustbein) und Rippen fragmentiert. Clavicula (Schlüsselbein) rechts und links erhalten. Bis auf rechten Humerus (Oberarmknochen) alle oberen Extremitäten sowie Hals-, Brust und Lendenwirbel vollständig. Teile vom Becken, Sacrum (Kreuzbein) sowie untere Extremitäten fast vollständig. Rechte Patella (Kniescheibe) erhalten. Einzelne Hand- und Fußknochen ebenfalls erhalten. Unterkiefer fast vollständig, Schädel stark fragmentiert. Schulterblatt und Rippen ebenfalls fragmentiert. Schlüsselbein rechts und links erhalten. Obere und untere Extremitäten fragmentiert. Bis auf Atlas Hals-, Brust- und Lendenwirbel vollständig. Becken und Kreuzbein stark fragmentiert. Rechte Kniescheibe erhalten. Einzelne Handknochen ebenfalls erhalten.
Erhaltungszustand: gut bis sehr gut. Gesamtes Skelett zum Teil erodiert. Postkraniales Skelett zum Teil fragmentiert. Unterkiefer und Handknochen gut erhalten; rechtliches Skelett zum Teil stark fragmentiert.
Alter: 65 bis 75 Jahre (nach Zahnstatus und Symphyse über 60 Jahre, nach Verstreichung der Schädelnähte über 70 Jahre). 40 bis 50 Jahre (nach Abkauungsgrad der Zähne, Zustand der Schädelnähte und Spongiosastruktur des proximalen Femurendes).
Geschlecht: Männlich (enge Incisura ischiadica major, große Mastoidfortsätze, derbes Mentum, kräftiger Unterkieferwinkel). Männlich (enge Incisura ischiadica major, Muskelansätze ausgeprägt, derbes Mentum).
Schädelform: Brachycran (= Schädel in der Aufsicht breit). Dolichocran (= schmaler Schädel).
Robustizität: Kräftige Langknochen mit sehr starken Muskelansatzmarken Kräftige Langknochen mit ausgeprägten Muskelansatzmarken.
Körperhöhe: 169 cm (mittelwüchsig) 171 cm (mittelwüchsig).
Bemerkungen:
  •  Verlust von 18 Zähnen
  • Karies an Zahn 24
  • Linkes Schlüsselbein nach Fraktur wieder gut verheilt
  • Gelenke des Oberschenkelknochens erweitert in Richtung Trochanter major (Reiterfacette).
  • Zahnsteinbildung an fast allen Zähnen bis auf 11, 12, 21.
  • Karies an Zahn 26, 34 und 48.
  • Mittelstarke Zahnabkauung.
  • Erweiterung Femurkopfes (Oberschenkelknochen, Reiterfacette).

 

Untersuchung der Leichenbrände
(Auszüge aus dem Untersuchungsbericht von Prof. Dr. Manfred Kunter)

Die Leichenbrände wurden morphologisch, metrisch und zum Teil histologisch bearbeitet. Verbrannte und unverbrannte Tierknochen, welche sich zum Teil im Leichenbrand. zum Teil in der Grabgrube (Primärbeigabe) oder auf dem Rand der Grabgrube (Sekundärbeigabe) befanden, wurden registriert und nach Möglichkeit bestimmt.

lndividuenzahl, Alters- und GeschlechtsverteiIung, Bevölkerungsgröße

Aus 58 untersuchten Gräbern konnten 56 Leichenbrände als menschlich identifiziert werden.

Alters- und Geschlechtsverteilung:

 

Männer

Frauen

unbestimmt

zusammen

0-19 Jahre

2 (3,6%)

2 (3,6 %)

8 (14,2 %)

12 (21,4 %)

20-x Jahre

21 (37,5 %)

13 (23,2 %)

10 (17,9 %)

44 (78,6 %)

zusammen

23 (41, 1%)

15 (26,8 %)

17 (30,4 %)

56 (100 %)

Ein Grab enthielt so wenig Leichenbrand (etwa 1 Gramm), dass eine weitere Bestimmung nicht möglich war.

In zwei Gräbern konnten nur Tierknochen identifiziert werden.

Ein weiteres Grab enthielt Reste eines zweiten Individuums. Es handelt sich hierbei um die Milchmolarenkronen eines 3 bis 6 Monate alten Kindes.

Kinderdefizit

Der Subadultenanteil (Kinder und Jugendliche von 0-19 Jahren) ist mit 21,4% als niedrig zu bezeichnen. Der Befund passt aber recht gut zu den Verhältnissen, die bei verschiedenen römerzeitlichen Serien Westdeutschlands ermitteln konnte. Dort variiert der Subadultenteil zwischen 9% und 26% mit einem Durchschnitt von 14% und liegt deutlich niedriger als bei latènezeitlichen Serien.

Da die Erwartungswerte für den Subadultenanteil jedoch bei solchen Gräberfeldern mit 40-­60% anzusetzen sind, ist mit einem Subadulten- sprich Kinderdefizit zu rechnen. Altersbedingte Bestattungssitten, beziehungsweise schlechtere Erhaltungsbedingungen für Kleinkinderbestattungen (nicht so große Eintiefung von Kindergräbern) dürften auch auf Tossenberg für das Kinderdefizit verantwortlich sein.

Geschlechtsverhältnis der Erwachsenen

Das Geschlechtsverhältnis der Erwachsenen ist unausgeglichen. Eindeutig überwiegen die Männer.

Für 17,9% der Erwachsenen konnte allerdings kein Geschlecht angegeben werden. Die Möglichkeiten zur mor­phometrischen Geschlechtsbestimmung waren wegen der oft geringen Leichenbrandmengen und der Kleinteiligkeit der verbrannten Knochen stark eingeschränkt. Da die Geschlechtsbestimmung weitgehend auf Robustizitätsmerkmalen beruhte, besteht immer die Möglichkeit, dass robuste Frauen als Männer und grazile Männer als Frauen bestimmt wurden. Bei den unbestimmbaren Erwachsenen dürfen aus methodischen Gründen mehr Frauen als Männer erwartet werden. Deshalb kann trotz des scheinbaren Über­wiegens der Männer bei den Leichenbränden das Geschlechtsverhältnis bei den bestatteten Erwachsenen durchaus ausgeglichen gewesen sein.

Durchschnittliches Sterbealter der Erwachsenen

Das durchschnittliche Sterbealter der Erwachsenen lässt sich wegen der weiten Alterspannen nicht präzise berechnen. Es dürfte bei 40-50 Jahren gelegen haben. Ein hoher Anteil an Sterbefällen im jüngeren Erwachsenenalter (20-40 Jahre, vor allem Frauen) lässt sich an den Individualdaten erkennen und ist für prähistorische und früh geschichtliche Skelett- und Leichenbrandserien charakteristisch. Immerhin 35% der Erwachsenen hat ein höheres Alter (über 50 Jahre) erreicht, was für relativ gute Lebensbedingungen spricht.

Lebenserwartung bei der Geburt

Zur Lebenserwartung bei der Geburt lässt sich wegen geringer Repräsentanz und unsicherer Geschlechtsbestimmungen keine Aussage machen. Bei Berücksichtigung des vermuteten Kleinkinderdefizits dürfte sie sich im Rahmen der in die­ser Zeit üblichen Verhältnisse bewegt haben (etwa 22-25 Jahre; Kunter 1993).

Verbrennungsgrad der Knochenreste und Farbe des Leichenbrandes

Der Verbrennungsgrad der Knochenreste ist ausnahmslos als vollkommen zu bezeichnen. Die verbrannten Knochenfrag­mente sind im Bruch überwiegend weiß. Deshalb ist mit einer höchst effektiven Verbrennungstechnik zu rechnen, wobei im Scheiterhaufen Temperaturen zwischen 800 bis 9500( erreicht wurden (Dokládal 1969, Wahl 1987, Kunter 1996a).

Leichenbrandgewichte

Klassengrenzen in Gramm

Anzahl der Leichenbrände

%

0-100

11

20,0

100 - 500

17

30,9

500 -1000

17

30,9

über 1000

10

18,2

Die meisten Leichenbrände haben ein niedriges Gewicht.

Der leichteste Leichenbrand wiegt 1 Gramm, der schwerste 1729 Gramm.

50,9% aller Leichenbrände wiegen unter 500 Gramm, während 18,2% über 1000 Gramm wiegen. Diese schweren Leichenbrände waren nur in einem Fall einer Frau zuzuordnen, in allen anderen Fällen ausschließlich Männern.

Der Mittelwert aller Leichenbrände liegt bei 567 Gramm. Die weiblichen Leichenbrände sind im Durchschnitt nur halb so schwer wie die männlichen. Dieser Unterschied reflektiert eher die Massivität der verbrannten Knochen bei Männern und weniger die unterschiedliche rituelle Behandlung der verbrannten Knochen von Männern und Frauen. 

In beiden Geschlechtern ist regelhaft nur ein Teil der bei der Verbrennung anfallenden Knochen repräsentiert.

Das Gewicht der Leichenbrände von Kindern ist mit durchschnittlich 333 Gramm nur unwesentlich niedriger als der erwachsenen Frauen (445 Gramm) jedoch deutlich niedriger als das der erwachsenen Männern (890 Gramm).

Die relativ niedrigen Leichenbrandgewichte sind Ausdruck für die Unvollständigkeit der einzelnen Leichenbrandfraktionen. Offenbar sind nach der Verbrennung nur Teile des Leichenbrandes aus dem abgebrannten Scheiterhaufen selektiert worden. Dafür spricht auch die Zusammensetzung des Materials, bei dem größere Stücke - vorzugsweise des Schädels und der Langknochen - ausgelesen worden sind.

Durchschnittliche Leichenbrandgewichte bei römerzeitlichen Gräberfeldern (in Gramm)

Serie

Männer

Frauen

Subadulte

Gesamt

Tossenberg

890

445

333

567

Feulen

465

236

71

269

Simmern-Dëckt

320

202

66

209

Wustweiler

577

318

148

333

Urspring

294

234

94

349

Altforweiler

360

300

178

197

Tönnisvorst.V.

632

383

34

274

Waldböckelheim

809

545

134

333

MZ.Hechtheim

938

-

203

677

Rossdorf

812

449

55

569

Wederath/vorröm.

384

241

87

237

Wederath/frühröm.

467

301

29

266

Wederath/römisch

384

227

56

222

Mit der Verteilung der Leichenbrandgewichte reiht sich die Serie von unserem Gräberfeld auf Tossenberg in den oberen Variationsbereich einiger untersuchter römerzeitlicher Serien Westdeutschlands und Luxemburgs ein.

Zusammensetzung der Leichenbrände

In den einzelnen Leichenbränden können sehr häufig Teile aus allen Bereichen des Skelettes nachgewiesen werden. Erwartungsgemäß überwiegen wegen der größeren Robustizität Fragmente des Schädels und der Langknochen. Eine Selektion bestimmter Skelettteile hat nicht stattgefun­den. Alters- und Geschlechtsunterschiede in der Zusammensetzung der Leichenbrände waren nicht zu beobachten. Die einzelnen Leichenbrände waren immer unvollständig und sehr häufig auch nicht ganz repräsentativ, d.h., nicht jede Skelettregion war repräsentiert.

Fragmentgröße

Nach der linearen Länge der Fragmente ist durchschnittlich die Hälfte einer Leichenbrandfraktion fein (0-1 cm). Die andere Hälfte mittel grob (1-5 cm). Größere Stücke (über 5 cm) kommen nur in Ausnahmefällen vor.  Im Vergleich zu chronologisch älteren Leichenbrandserien sind römerzeitli­che Leichenbrände wesentlich kleinteiliger. Eine rituelle (sprich gewollte) Zerkleinerung der verbrannten Knochen nach der Scheiterhaufenverbrennung erscheint deshalb möglich. Die Kleinteiligkeit der einzelnen Leichenbrandpartien und die zum Teil geringen Mengen machen die Alters- und Geschlechtsbestimmungen häufig unsicher.

Robustizität

Die allgemeine Stärke der Langknochenkompakte sowie die Reliefierung der Muskelansatzstellen kann man unter dem Begriff der Robustizität zusammenfassen. Es handelt sich um ein Merkmal, das sowohl die genetische Disposition als auch vorzugsweise die Reaktion des Bewegungsapparates auf Umweltreize reflektiert. Muskelansatzmarken und Knochenstärke sind positiv miteinander korreliert.

Die Männer unseres Gräberfeldes weisen nur zum geringen Teil mittelstarke, zum größeren Teil starke bis sehr starke Langknochen mit entsprechenden Muskelansatzmarken auf. Bei den Frauen waren nur mittelstarke Konstitutionen nachweisbar. Männliche Skelette sind erwartungsgemäß insgesamt robuster als weibliche. Es gibt allerdings einen größeren Überschneidungsbereich bei der mittelkräftigen Knochenkonstitution.

Frauen sind offenbar während ihres Lebens nicht so stark durch körperliche Arbeit belastet worden. Dies trifft nur auf einen geringen Prozentsatz der Männer zu. Hier fallen vor allem Männer mit extrem kräftigem Knochenbau und sehr starken Muskelansatzmarken auf, für die eine besonders starke körperliche Beanspruchung während ihrer Lebenszeit postuliert werden kann.

 

Leichenbrandteilchen

Körperhöhe

Für Personen aus unterschiedlichen Gräbern konnte die Körperhöhe rekonstruiert werden. Davon waren 13 männ­lich und 2 weiblich.

Die Körperhöhen von Männern variieren zwischen 169 cm (mittelwüchsig) bis 180 cm (hochwüchsig), wobei 9 Individuen als hochwüchsig anzusprechen sind. Die bei den Frauen sind bei einer Körperhöhe von 161 cm mittel­hochwüchsig.

Krankhafte Veränderungen

Hinweise auf pathologische Veränderungen waren bei der Kleinteiligkeit und dem geringen Umfang der Leichenbrände nicht zu erwarten. Allerdings konnten bei insgesamt sechs Fällen degenerative Veränderungen (Spondylosis deformans) an der Wirbelsäule nachgewiesen werden.

Zusammenfassung

56 menschliche Leichenbrände aus einem nur zum Teil ausgegrabenen Grabgarten aus dem römischen Gräberfeld von Bartringen/Tossenberg wurden von Prof. Dr. Manfred Kunter anthropologisch untersucht. Trotz dem unvollständig ausgegrabenen Grabgarten geben die Untersuchungsresultate einen interessanten Einblick in die damalige Bevölkerung des Vicus vom Tossenberg aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach Christus.

Der Anteil der Subadulten ist mit 21,4% relativ niedrig und weist auf ein größeres Kleinkinderdefizit hin.

Männer sind deutlich häufiger vertreten als Frauen. Dennoch kann bei Berücksichtigung der geschlechtsbestimmbaren Personen das Geschlechtsverhältnis ausgeglichen gewesen sein.

Ältere Menschen kommen relativ häufig vor: das hohe Durchschnittsalter der Erwachsenen spricht für gute Lebensbedingungen.

Der Mittelwert für das Gewicht der Leichenbrände liegt bei 567 Gramm. Trotz des recht hohen Wertes ist das Material unvollständig. Im Durchschnitt wurde nur ungefähr ein Drittel der nach der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen anfallenden Knochenmenge eingesammelt und dann bestattet, wobei Schädel und Langknochenteile wegen ihrer Stabilität und Größe bevorzugt selektiert wurden. Die Kleinteiligkeit der einzelnen Leichenbrandpartien (bewusste Zerkleinerung?) und die z.T. geringen Mengen machen die Alters- und Geschlechtsbestimmungen häufig unsicher.

Auffällig sind die große Knochenrobustizität und die starken Muskelansatzmarken der meisten Männer, die auf starke körperliche Dauerbelastungen hinweisen. Bei den Frauen waren Langknochenkompakte und Muskelansatzmarken nur mittelstark ausgeprägt. 

Krankhafte Veränderungen der Wirbelsäule konnten trotz der Kleinteiligkeit der Leichenbrände in sechs Fällen nachgewiesen werden.

In einem Grab lagen Hinweise auf Doppelbestattungen vor.

In einem Drittel der Gräber waren verbrannte Tierknochen (Rind, Schwein, Vogel) nachzuweisen. Von besonderem Interesse ist die Bestattung eines alten Hundes mit schweren degenerativen und entzündlichen Knochenveränderungen.

 

Kleinfunde welche beim Auswaschen des Leichenbrandes zum Vorschein kamen:
Melonenperle aus Glas, Glasbalsamarium in Form eines Doppelhenkelgefäßes, bronzene Fibel

 

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