| |
Befund 20 |
Befund 72 |
|
Repräsentanz: |
Unterkiefer vollständig,
Oberkiefer zum Teil erhalten. Bis auf den
Gesichtsschädel Schädel vollständig erhalten. Scapula
(Schulterblatt), Sternum (Brustbein) und Rippen
fragmentiert. Clavicula (Schlüsselbein) rechts und links
erhalten. Bis auf rechten Humerus (Oberarmknochen) alle
oberen Extremitäten sowie Hals-, Brust und Lendenwirbel
vollständig. Teile vom Becken, Sacrum (Kreuzbein) sowie
untere Extremitäten fast vollständig. Rechte Patella
(Kniescheibe) erhalten. Einzelne Hand- und Fußknochen
ebenfalls erhalten. |
Unterkiefer fast
vollständig, Schädel stark fragmentiert. Schulterblatt
und Rippen ebenfalls fragmentiert. Schlüsselbein rechts
und links erhalten. Obere und untere Extremitäten
fragmentiert. Bis auf Atlas Hals-, Brust- und
Lendenwirbel vollständig. Becken und Kreuzbein stark
fragmentiert. Rechte Kniescheibe erhalten. Einzelne
Handknochen ebenfalls erhalten. |
|
Erhaltungszustand: |
gut bis sehr gut. Gesamtes
Skelett zum Teil erodiert. Postkraniales Skelett zum
Teil fragmentiert. |
Unterkiefer und Handknochen
gut erhalten; rechtliches Skelett zum Teil stark
fragmentiert. |
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Alter:
|
65 bis 75 Jahre (nach
Zahnstatus und Symphyse über 60 Jahre, nach
Verstreichung der Schädelnähte über 70 Jahre). |
40 bis 50 Jahre (nach
Abkauungsgrad der Zähne, Zustand der Schädelnähte und
Spongiosastruktur des proximalen Femurendes). |
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Geschlecht:
|
Männlich (enge Incisura
ischiadica major, große Mastoidfortsätze, derbes Mentum,
kräftiger Unterkieferwinkel). |
Männlich (enge Incisura
ischiadica major, Muskelansätze ausgeprägt, derbes
Mentum). |
|
Schädelform: |
Brachycran (= Schädel in
der Aufsicht breit). |
Dolichocran (= schmaler
Schädel). |
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Robustizität:
|
Kräftige Langknochen mit
sehr starken Muskelansatzmarken |
Kräftige Langknochen mit
ausgeprägten Muskelansatzmarken. |
|
Körperhöhe:
|
169 cm (mittelwüchsig) |
171 cm (mittelwüchsig). |
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Bemerkungen: |
-
Verlust von 18
Zähnen
-
Karies an Zahn 24
-
Linkes Schlüsselbein
nach Fraktur wieder gut verheilt
-
Gelenke des
Oberschenkelknochens erweitert in Richtung
Trochanter major (Reiterfacette).
|
-
Zahnsteinbildung an
fast allen Zähnen bis auf 11, 12, 21.
-
Karies an Zahn 26, 34
und 48.
-
Mittelstarke
Zahnabkauung.
-
Erweiterung Femurkopfes
(Oberschenkelknochen, Reiterfacette).
|
Untersuchung der Leichenbrände
(Auszüge aus dem Untersuchungsbericht von Prof. Dr. Manfred Kunter)
Die Leichenbrände wurden morphologisch, metrisch und zum Teil
histologisch bearbeitet. Verbrannte und unverbrannte Tierknochen,
welche sich zum Teil im Leichenbrand. zum Teil in der Grabgrube
(Primärbeigabe) oder auf dem Rand der Grabgrube (Sekundärbeigabe)
befanden, wurden registriert und nach Möglichkeit bestimmt.
lndividuenzahl, Alters- und GeschlechtsverteiIung, Bevölkerungsgröße
Aus 58 untersuchten Gräbern konnten 56 Leichenbrände als menschlich
identifiziert werden.
Alters- und Geschlechtsverteilung:
|
|
Männer |
Frauen |
unbestimmt |
zusammen |
|
0-19 Jahre |
2 (3,6%) |
2 (3,6 %) |
8 (14,2 %) |
12 (21,4 %) |
|
20-x Jahre |
21 (37,5 %) |
13 (23,2 %) |
10 (17,9 %) |
44 (78,6 %) |
|
zusammen |
23 (41, 1%) |
15 (26,8 %) |
17 (30,4 %) |
56 (100 %) |
Ein Grab enthielt so wenig Leichenbrand (etwa 1 Gramm), dass eine
weitere Bestimmung nicht möglich war.
In zwei Gräbern konnten nur Tierknochen identifiziert werden.
Ein weiteres Grab enthielt Reste eines zweiten Individuums. Es
handelt sich hierbei um die Milchmolarenkronen eines 3 bis 6 Monate
alten Kindes.
Kinderdefizit
Der Subadultenanteil (Kinder und Jugendliche von 0-19 Jahren) ist mit
21,4% als niedrig zu bezeichnen. Der Befund passt aber recht gut zu den
Verhältnissen, die bei verschiedenen römerzeitlichen Serien
Westdeutschlands ermitteln konnte. Dort variiert der Subadultenteil
zwischen 9% und 26% mit einem Durchschnitt von 14% und liegt deutlich
niedriger als bei latènezeitlichen Serien.
Da die Erwartungswerte für den Subadultenanteil jedoch bei solchen
Gräberfeldern mit 40-60% anzusetzen sind, ist mit einem Subadulten-
sprich Kinderdefizit zu rechnen. Altersbedingte Bestattungssitten,
beziehungsweise schlechtere Erhaltungsbedingungen für
Kleinkinderbestattungen (nicht so große Eintiefung von Kindergräbern)
dürften auch auf Tossenberg für das Kinderdefizit verantwortlich sein.
Geschlechtsverhältnis der Erwachsenen
Das Geschlechtsverhältnis der Erwachsenen ist unausgeglichen. Eindeutig
überwiegen die Männer.
Für 17,9% der Erwachsenen konnte allerdings kein Geschlecht angegeben
werden. Die Möglichkeiten zur morphometrischen Geschlechtsbestimmung
waren wegen der oft geringen Leichenbrandmengen und der Kleinteiligkeit
der verbrannten Knochen stark eingeschränkt. Da die
Geschlechtsbestimmung weitgehend auf Robustizitätsmerkmalen beruhte,
besteht immer die Möglichkeit, dass robuste Frauen als Männer und
grazile Männer als Frauen bestimmt wurden. Bei den unbestimmbaren
Erwachsenen dürfen aus methodischen Gründen mehr Frauen als Männer
erwartet werden. Deshalb kann trotz des scheinbaren Überwiegens der
Männer bei den Leichenbränden das Geschlechtsverhältnis bei den
bestatteten Erwachsenen durchaus ausgeglichen gewesen sein.
Durchschnittliches Sterbealter der Erwachsenen
Das durchschnittliche Sterbealter der Erwachsenen lässt sich wegen der
weiten Alterspannen nicht präzise berechnen. Es dürfte bei 40-50 Jahren
gelegen haben. Ein hoher Anteil an Sterbefällen im jüngeren
Erwachsenenalter (20-40 Jahre, vor allem Frauen) lässt sich an den
Individualdaten erkennen und ist für prähistorische und früh
geschichtliche Skelett- und Leichenbrandserien charakteristisch.
Immerhin 35% der Erwachsenen hat ein höheres Alter (über 50 Jahre)
erreicht, was für relativ gute Lebensbedingungen spricht.
Lebenserwartung bei der Geburt
Zur Lebenserwartung bei der Geburt lässt sich wegen geringer
Repräsentanz und unsicherer Geschlechtsbestimmungen keine Aussage
machen. Bei Berücksichtigung des vermuteten Kleinkinderdefizits dürfte
sie sich im Rahmen der in dieser Zeit üblichen Verhältnisse bewegt
haben (etwa 22-25 Jahre; Kunter 1993).
Verbrennungsgrad der Knochenreste und Farbe des Leichenbrandes
Der Verbrennungsgrad der Knochenreste ist ausnahmslos als vollkommen zu
bezeichnen. Die verbrannten Knochenfragmente sind im Bruch überwiegend
weiß. Deshalb ist mit einer höchst effektiven Verbrennungstechnik zu
rechnen, wobei im Scheiterhaufen Temperaturen zwischen 800 bis 9500(
erreicht wurden (Dokládal 1969, Wahl 1987, Kunter 1996a).
Leichenbrandgewichte
|
Klassengrenzen in Gramm
|
Anzahl der Leichenbrände
|
%
|
|
0-100
|
11
|
20,0
|
|
100 - 500
|
17
|
30,9
|
|
500 -1000
|
17
|
30,9
|
|
über 1000
|
10
|
18,2
|
Die meisten Leichenbrände haben ein niedriges Gewicht.
Der leichteste Leichenbrand wiegt 1 Gramm, der schwerste 1729 Gramm.
50,9% aller Leichenbrände wiegen unter 500 Gramm, während 18,2% über
1000 Gramm wiegen. Diese schweren Leichenbrände waren nur in einem Fall
einer Frau zuzuordnen, in allen anderen Fällen ausschließlich Männern.
Der Mittelwert aller Leichenbrände liegt bei 567 Gramm. Die weiblichen
Leichenbrände sind im Durchschnitt nur halb so schwer wie die
männlichen. Dieser Unterschied reflektiert eher die Massivität der
verbrannten Knochen bei Männern und weniger die unterschiedliche
rituelle Behandlung der verbrannten Knochen von Männern und Frauen.
In beiden Geschlechtern ist regelhaft nur ein Teil der bei der
Verbrennung anfallenden Knochen repräsentiert.
Das Gewicht der Leichenbrände von Kindern ist mit durchschnittlich 333
Gramm nur unwesentlich niedriger als der erwachsenen Frauen (445 Gramm)
jedoch deutlich niedriger als das der erwachsenen Männern (890 Gramm).
Die relativ niedrigen Leichenbrandgewichte sind Ausdruck für die
Unvollständigkeit der einzelnen Leichenbrandfraktionen. Offenbar sind
nach der Verbrennung nur Teile des Leichenbrandes aus dem abgebrannten
Scheiterhaufen selektiert worden. Dafür spricht auch die Zusammensetzung
des Materials, bei dem größere Stücke - vorzugsweise des Schädels und
der Langknochen - ausgelesen worden sind.
Durchschnittliche Leichenbrandgewichte bei römerzeitlichen Gräberfeldern
(in Gramm)
|
Serie |
Männer |
Frauen |
Subadulte |
Gesamt |
|
Tossenberg
|
890
|
445
|
333
|
567
|
|
Feulen
|
465
|
236
|
71
|
269
|
|
Simmern-Dëckt
|
320
|
202
|
66
|
209
|
|
Wustweiler
|
577
|
318
|
148
|
333
|
|
Urspring
|
294
|
234
|
94
|
349
|
|
Altforweiler
|
360
|
300
|
178
|
197
|
|
Tönnisvorst.V.
|
632
|
383
|
34
|
274
|
|
Waldböckelheim
|
809
|
545
|
134
|
333
|
|
MZ.Hechtheim
|
938
|
-
|
203
|
677
|
|
Rossdorf
|
812
|
449
|
55
|
569
|
|
Wederath/vorröm.
|
384
|
241
|
87
|
237
|
|
Wederath/frühröm.
|
467
|
301
|
29
|
266
|
|
Wederath/römisch
|
384
|
227
|
56
|
222
|
Mit der Verteilung der Leichenbrandgewichte reiht sich die Serie von
unserem Gräberfeld auf Tossenberg in den oberen Variationsbereich
einiger untersuchter römerzeitlicher Serien Westdeutschlands und
Luxemburgs ein.
Zusammensetzung der Leichenbrände
In den einzelnen Leichenbränden können sehr häufig Teile aus allen
Bereichen des Skelettes nachgewiesen werden. Erwartungsgemäß überwiegen
wegen der größeren Robustizität Fragmente des Schädels und der
Langknochen. Eine Selektion bestimmter Skelettteile hat nicht
stattgefunden. Alters- und Geschlechtsunterschiede in der
Zusammensetzung der Leichenbrände waren nicht zu beobachten. Die
einzelnen Leichenbrände waren immer unvollständig und sehr häufig auch
nicht ganz repräsentativ, d.h., nicht jede Skelettregion war
repräsentiert.
Fragmentgröße
Nach der linearen Länge der Fragmente ist durchschnittlich die Hälfte
einer Leichenbrandfraktion fein (0-1 cm). Die andere Hälfte mittel grob
(1-5 cm). Größere Stücke (über 5 cm) kommen nur in Ausnahmefällen vor.
Im Vergleich zu chronologisch älteren Leichenbrandserien sind
römerzeitliche Leichenbrände wesentlich kleinteiliger. Eine rituelle
(sprich gewollte) Zerkleinerung der verbrannten Knochen nach der
Scheiterhaufenverbrennung erscheint deshalb möglich. Die Kleinteiligkeit
der einzelnen Leichenbrandpartien und die zum Teil geringen Mengen
machen die Alters- und Geschlechtsbestimmungen häufig unsicher.
Robustizität
Die allgemeine Stärke der Langknochenkompakte sowie die Reliefierung der
Muskelansatzstellen kann man unter dem Begriff der Robustizität
zusammenfassen. Es handelt sich um ein Merkmal, das sowohl die
genetische Disposition als auch vorzugsweise die Reaktion des
Bewegungsapparates auf Umweltreize reflektiert. Muskelansatzmarken und
Knochenstärke sind positiv miteinander korreliert.
Die Männer unseres Gräberfeldes weisen nur zum geringen Teil
mittelstarke, zum größeren Teil starke bis sehr starke Langknochen mit
entsprechenden Muskelansatzmarken auf. Bei den Frauen waren nur
mittelstarke Konstitutionen nachweisbar. Männliche Skelette sind
erwartungsgemäß insgesamt robuster als weibliche. Es gibt allerdings
einen größeren Überschneidungsbereich bei der mittelkräftigen
Knochenkonstitution.
Frauen sind offenbar während ihres Lebens nicht so stark durch
körperliche Arbeit belastet worden. Dies trifft nur auf einen geringen
Prozentsatz der Männer zu. Hier fallen vor allem Männer mit extrem
kräftigem Knochenbau und sehr starken Muskelansatzmarken auf, für die
eine besonders starke körperliche Beanspruchung während ihrer Lebenszeit
postuliert werden kann.

Leichenbrandteilchen
Körperhöhe
Für Personen aus unterschiedlichen Gräbern konnte die Körperhöhe
rekonstruiert werden. Davon waren 13 männlich und 2 weiblich.
Die Körperhöhen von Männern variieren zwischen 169 cm (mittelwüchsig)
bis 180 cm (hochwüchsig), wobei 9 Individuen als hochwüchsig
anzusprechen sind. Die bei den Frauen sind bei einer Körperhöhe von 161
cm mittelhochwüchsig.
Krankhafte Veränderungen
Hinweise auf pathologische Veränderungen waren bei der Kleinteiligkeit
und dem geringen Umfang der Leichenbrände nicht zu erwarten. Allerdings
konnten bei insgesamt sechs Fällen degenerative Veränderungen
(Spondylosis deformans) an der Wirbelsäule nachgewiesen werden.
Zusammenfassung
56 menschliche Leichenbrände aus einem nur zum Teil ausgegrabenen
Grabgarten aus dem römischen Gräberfeld von Bartringen/Tossenberg wurden
von Prof. Dr. Manfred Kunter anthropologisch untersucht. Trotz dem
unvollständig ausgegrabenen Grabgarten geben die
Untersuchungsresultate einen interessanten Einblick in die damalige
Bevölkerung des Vicus vom Tossenberg aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach
Christus.
Der Anteil der Subadulten ist mit 21,4% relativ niedrig und weist auf
ein größeres Kleinkinderdefizit hin.
Männer sind deutlich häufiger vertreten als Frauen. Dennoch kann bei
Berücksichtigung der geschlechtsbestimmbaren Personen das
Geschlechtsverhältnis ausgeglichen gewesen sein.
Ältere Menschen kommen relativ häufig vor: das hohe Durchschnittsalter
der Erwachsenen spricht für gute Lebensbedingungen.
Der Mittelwert für das Gewicht der Leichenbrände liegt bei 567 Gramm.
Trotz des recht hohen Wertes ist das Material unvollständig. Im
Durchschnitt wurde nur ungefähr ein Drittel der nach der Verbrennung auf
dem Scheiterhaufen anfallenden Knochenmenge eingesammelt und dann
bestattet, wobei Schädel und Langknochenteile wegen ihrer Stabilität und
Größe bevorzugt selektiert wurden. Die Kleinteiligkeit der einzelnen
Leichenbrandpartien (bewusste Zerkleinerung?) und die z.T. geringen
Mengen machen die Alters- und Geschlechtsbestimmungen häufig unsicher.
Auffällig sind die große Knochenrobustizität und die starken
Muskelansatzmarken der meisten Männer, die auf starke körperliche
Dauerbelastungen hinweisen. Bei den Frauen waren Langknochenkompakte und
Muskelansatzmarken nur mittelstark ausgeprägt.
Krankhafte Veränderungen der Wirbelsäule konnten trotz der
Kleinteiligkeit der Leichenbrände in sechs Fällen nachgewiesen werden.
In einem Grab lagen Hinweise auf Doppelbestattungen vor.
In einem Drittel der Gräber waren verbrannte Tierknochen (Rind, Schwein,
Vogel) nachzuweisen. Von besonderem Interesse ist die Bestattung eines
alten Hundes mit schweren degenerativen und entzündlichen
Knochenveränderungen.
Kleinfunde welche beim Auswaschen des Leichenbrandes zum Vorschein
kamen:
Melonenperle aus Glas, Glasbalsamarium in Form eines
Doppelhenkelgefäßes, bronzene Fibel