Eisenzeitliche Siedlungsreste
vom "Juckelsbësch" bei Mamer
Bulletin de la SOCIETE PREHISTORIQUE LUXEMBOURGEOISE 6 (1984)
Luxembourg 1984
MarceL LAMESCH, Jeannot METZLER
A.
TOPOGRAPHIE UND KURZE SIEDLUNGSGESCHICHTE.
Das Hochplateau "Juckelsbësch"; das seit Jahrzehnten wegen seiner reichen
vorgeschichtlichen Funde bekannt ist, liegt östlich der Landstraße Mamer-Kehlen,
etwa halbwegs zwischen den beiden Ortschaften. Während die östliche Hälfte von
einem Buchenhochwald bedeckt ist, besteht die westliche, der eigentliche
Fundplatz, fast ausschließlich aus Ackerland. Hier ist der Boden sandig ("Suebel"),
im Zentrum jedoch ein wenig lehmig ("Höhenlehm", wahrscheinlich "Loess").
Das Plateau wird auf drei Seiten von ziemlich engen, 60-80 m tief
eingeschnittenen Tälern begrenzt, die von kleinen Bächen bewässert werden: der
"Riedelbach" im N und der "Kielbach" im SW und S. Beide ergießen sich in die
"Mamer", welche die östliche Grenze des "Juckelsbësch" bildet.
Die im allgemeinen stark abfallenden Hänge sind bewaldet. An ihrem oberen Rand
tritt an vielen Stellen, besonders am "Kielbach", die Sandsteinschicht in Form
von zusammenhängenden Felskränzen oder auch vereinzelten Vorsprüngen zutage.
Zusammen mit den Bächen, dem stellenweise alten Baumbestand und den zahlreichen
Quellen haben diese Felsformationen eine Landschaft geformt, die in manchen
Zügen an das Müllerthal erinnert.
Der westliche, rechteckig geformte Teil des "Juckelsbësch" ist ungefähr 75 ha
groß. Er neigt sich von N (höchster Punkt: 353 m) nach S und SO (tiefster Punkt:
314 m). Der südöstliche Rand wird von zwei ziemlich steilen Erosionshängen
angeschnitten, die metertief mit herabgeschwemmtem Ackerboden bedeckt sind. Zwei
größere Ausbuchtungen dieses Randes sind interessante Fundplätze.
Vom westlichen Rand (alte Verwerfungsfalte) her erstrecken sich in östlicher
Richtung die höher gelegenen, mehr oder weniger horizontal gelagerten Abschnitte
(Siehe Verlauf der Höhenkuren), welche den Großteil der Funde überhaupt
geliefert haben.
Auf Grund meiner zahlreichen Funde betrachte ich den "Juckelsbësch" als einen
der reichsten Fundplätze des Landes. Leider sind viele der dort von andern
Sammlern entdeckten Artefakte nie veröffentlicht worden. Ich möchte deshalb im
folgenden an Hand meiner eigenen Funde vom "Juckelsbësch" die wichtigsten
Etappen seiner Besiedlungsgeschichte kurz umreißen.
-
Von den etwa 32 aus Quarzit und Quarz gefertigten
Stücke stammt ein Teil aus dem
Mittleren Paläolithikum, obschon ich eine
Verwertung der beiden Materialien aLs Ersatzstoffe (matériaux
d'appoint) in einer späteren Periode nicht ausschließen will. Elf dieser
Stücke, darunter kleinere Exemplare und Fragmente, habe ich bereits
veröffentlicht
(1 LAMESCH, M. (1975): Outils Paléolithiques en
quartzite du territoire luxembourgeois. In: PSH 89, pp. 17, 20, 23,
24-25).
Unter den inzwischen hinzugekommenen 21 neuen Funden, meist Fragmente,
befinden sich 5 vollständig erhaltene
Moustérien-Schaber mit einseitig
retuschierter Kante sowie ein Stück aus
Moselquarzit mit zwei
konvergierenden Arbeitsrändern (racloir convergent).
-
Aus dem in unserem Gebiet bis jetzt schwach vertretenen Oberen Paläolithikum
stammt eine große, weißpatinierte Klinge mit typischer
Aurignacien -
Randretousche.
-
Die Mittelsteinzeit (Mesolithikum) ist hingegen stark vertreten: 1418
Artefakte, davon 106 Waffen bzw. Geräte, sowie 1312
Abschlagprodukte (produits
de débitaqe). Letztere, wie auch die Kernsteine, die
Auffrischungsabschläge und die Mikrostichel beweisen, daß ein Großteil der
Funde an Ort und Stelle angefertigt wurde.
Es handelt sich um ein spätes Mesolithikum mit Trapezen und
Montbaniklingen
(2 LAMESCH, M. (1982): Six stations de surface à outillage
mésolithique dans le centre et le sud du Grand-Duché de Luxembourg. In:
GOB, A. et SPIER, F. (éd). Le Mésolithique entre Rhin et Meuse.
Luxembourg. pp. 152-164 ("Juckelsbösch).
-
Aus der Neusteinzeit (Neolithikum) stammt eine
beträchtliche Zahl von Waffen und Geräten: Beile, Pfeilspitzen, Kratzer (324
Ex.), Schaber, Bohrer, Messer, Retuschiergeräte, Reib- und Schlagsteine,
Mühlen- und Schleifsteine usw.
(3 Manche dieser Artefakte können natürlich aus späteren Kulturen stammen,
wie z.B. aus dem
Chalkolithikum (so die kleinen, rechteckigen Beile der
Glockenbecherleute), zum Teil auch noch aus der
Kupfer- oder
Eisenzeit (z.B.
die Reib-, Mühlen- und Schleifsteine).
Da eine genaue zeitliche und kulturelle Bestimmung vieler dieser Funde beim
jetzigen Stand der Forschung unmöglich ist, will ich mich hier mit einer
vorläufigen kulturellen Einordnung der
Pfeilspitzen und der
Retuschiergeräte
begnügen.
Unter den 158 Pfeilspitzen befinden sich 11 beschädigte,
nicht bestimmbare Stücke sowie 3
Querschneider ("tranchantes"). Von
den 144 gut erhaltenen Exemplaren gehören
(4 Die "Zugehörigkeit' der Pfeilspitzen zu den erwähnten Kulturen darf natürlich
nicht, oder nicht in allen Fällen, als Beweis für die tatsächliche Besiedlung
des "Juckelsbösch" durch Menschen der betreffenden Kulturen gedeutet werden,
sondern, wenigstens vorläufig, nur als ein Zeichen der "Beeinflussung" der dort
ansässigen Bevölkerung durch diese "Horizonte". Im übrigen darf nicht außer Acht
gelassen werden, daß eine kulturelle Zuordnung irgendwelcher Oberflächenfunde
immer mit großen Schwierigkeiten verbunden ist (Halbfertigstücke, örtliche
Abweichungen, unscharfe Formgebungen, fließende Übergänge und schließlich
Verschiedenheiten zwischen den bestehenden Typenlisten und dementsprechende
Unterschiede in der Zuordnung)
etwa 6 zur Übergangszeit Mesolithikum-Neolithikum, 20 zur
Bandkeramik, 17 zum
Roessen-Michelsberg
Horizont, 54 zum
Chasséen und 18 zur
S.O.M. Kultur.
5. Zum Chalkolithikum und der Frühen Bronze gehören 29 Spitzen, darunter 16
typische Glockenbecherformen
(5 Eine noch unveröffentlichte Armschutzplatte vom "Juckelsbësch" gehört
ebenfalls zu diesem Horizont).
Aus diesem kurzen Überblick ergibt sich wohl als
wichtigstes Faktum der hohe Anteil der zum "Mittleren" Neolithikum (Chasséen und
S.O.M.) gehörenden Pfeilspitzen. Zu diesen Kulturen gehören übrigens auch die 18
von mir gefundenen Retuschiergeräte
(6 LAMESCH, M. (1979): Pièces en silex à extrémités et bords écrases et
polis par l'usage (retouchoirs). In: B.S.P.L. 2-1980),
von denen die ältesten Exemplare zwar zur
Cerny-Gruppe
(Roessen) gehören, die
Mehrzahl jedoch dem Chasséen des Pariser Beckens und der S.O.M. zugeordnet
werden
(7 BAILLOUD, G. (1964): Le Néolithique dans le Bassin Parisien.
Paris).
M. L.
B. EISENZEITLICHE SIEDLUNGSRESTE.
Die außergewöhnliche Siedlungskontinuität des Hochplateaus an der Mamer riss
auch während der Eisenzeit nicht ab. Bei seinen Begehungen las M. Lamesch immer
wieder eisenzeitliche Scherben auf, die sich über die ganze unter dem Pflug
stehende Westhälfte des "Juckelsbësch" verteilten. An mehreren Punkten,
besonders am Westrand des Sandsteinplateaus erlaubte die Dichte der Keramikfunde
einzelne Siedlungsstellen präziser zu lokalisieren (Abb. 1). Zeitlich verteilen
sich diese Lesefunde auf fast alle Abschnitte der Eisenzeit von der
Späthallstatt- bis zur
Spätlatènezeit.
Im Zusammenhang mit diesen eisenzeitlichen Siedlungsresten
dürfte eine kleine Abschnittsbefestigung stehen, welche die
verteidigungsgünstige Lage eines steil ins Tal des Kielbaches abfallenden
Felsvorsprungs am Südrand der Hochfläche nutzte. Diese von R. Schindler und K.H.
Koch vermessene Burganlage umfaßt eine Innenfläche von nur 15 Ar, die durch
einen m hohen Wall und zwei vorgelagerte Gräben gesichert ist
(8 R. SCHINDLER, K.H. KOCH: Vor- und frühgeschichtliche Burgwälle des
Großherzogtums Luxemburg. Trierer Grabungen und Forschungen 1977, 51 ff. und
Plan 5)
(Abb. 1-2, 2).
Für eine Datierung dieser Höhenbefestigung in die Eisenzeit spricht ein einzeln
gelegener Grabhügel auf dem westlich anstoßenden Felsvorsprung (Abb. 1-2, 3).
Die enge Nachbarschaft dieser unterschiedlichen Siedlungsformen und die daraus
resultierenden Fragen zur Siedlungsgeschichte lassen eine systematische
Erforschung der eisenzeitlichen Fundstellen des "Juckelsbësch" sehr
vielversprechend erscheinen. Vorab sollen an dieser Stelle Funde vorgelegt
werden, die in einem kleinen Sondierschnitt im Winter 1969/1970 am Westrand der
Hochfläche ausgegraben wurden (Abb. 1,1). Hier hatte der Pflug besonders viele
eisenzeitliche Scherben an die Oberfläche gebracht, sodass zur Sicherung von
eventuellen unberührten Befunden eine kleine Ausgrabung unter Leitung von M.
Lamesch durchgeführt wurde. Es sollte sich herausstellen, daß die Mehrzahl der
Keramikfunde aus einer Siedlungsgrube stammten, deren Sohle etwa 1 m unter der
heutigen Oberfläche lag. Da das Füllmaterial sich kaum in dem engen
Grabungsschnitt von den anstehenden Sandschichten abhob, konnten keine Angaben
über die Größe und Form der Grube gewonnen werden. Die Streuung der Funde
belegte jedoch, daß die oberen Bereiche der Grubenfüllung vom Pflug zerstört
worden waren. Im folgenden Katalog wird das Fundmaterial dieser kleinen
archäologischen Untersuchung vorgelegt
(9 Für die Fotos Abb. 3 - 4 sei A. Biwer herzlichst gedankt. Die Gefäße wurden
von P. Molitor restauriert. Die Funde wurden von M. Lamesch dem Staatsmuseum zur
Verfügung gestellt. Zur römischen Zeit auf dem "Juckelsbësch":
G. THILL,
Römerzeitlicher Friedhof bei Mamer "Juckelsbösch", Hémecht 29
(1977) 5 ff.).

Abb. 3
Mamer – "Juckelsbësch" - Funde aus der eisenzeitlichen Siedlungsgrube.
2 - Webgewicht,
4 - Spinnwirtel,
5 - Siebfragment.

Abb. 4
Funde aus der eisenzeitlichen Siedlungsgrube
M. 1:2.

1. Mörser aus
Devonquarzit;
hellbraun-grau.
Länge 20 cm, größte Breite 7 cm,
größte Dicke 3,4 cm.
Stabförmiges Geröll; proximal abgeplattet; beidendige
Reibflächen teilweise ausgesplittert; dextrolateral Schlagspuren und einzelne
verstreute Schlagnarben; gänzlich überschliffen, grifförmig - durch Schleifen
(?) - eingezogen
(10
Mehrzweckwerkzeuge dieser Art werden häufig in eisenzeitlichen Siedlungen
gefunden. Quarzitgeräte von verschiedener Form gehören ebenfalls noch zum
Inventar der spätlatènezeitlichen Siedlungsschichten des keltischen Oppidum auf
dem Titelberg).

2. Webgewicht aus gebranntem Ton;
rotbrauner Scherben und Oberfläche.
Erhaltene
Länge 9,8 cm, größte Breite 6,1 cm, größte Dicke 5,7 cm.
Oberfläche leicht
geglättet. Teilweise sekundär verbrannt und unter Feuereinwirkung geplatzt (Abb.
3)
(11 Die Herstellung von Stoffen auf stehenden Gewichtswebestühlen gehörte in der
Eisenzeit zum Tätigkeitsfeld der Frau. Die senkrecht am Webstuhl befestigten
Fäden wurden durch meist pyramidenförmige Tongewichte gestrafft. Webgewichte
sind neben Spinnwirtel meist die einzigen auf uns gekommenen Zeugen des
eisenzeitlichen Textilhandwerks und werden häufig in Streusiedlungen und in
Burganlagen ausgegraben. Der gruppierte Fund von über 100 Webgewichten in der
Außensiedlung der Heuneburg scheint zu belegen, daß in der Späthallstattzeit
größere Produktionsbetriebe von Textilien bestanden. Dazu: W. KlMMlG,
Die Heuneburg an der oberen Donau. Führer zu archäologischen Denkmälern in
Baden-Württemberg (1983) mit weiterer Literatur. S. auch P. LA BAUME,
Die Entwicklung des Textilhandwerks in Osteuropa. Antiquitas Reihe
2.2.1952).

3. Eckbruchstück eines Webgewichtes oder einer Fachwerkwand.
Erhaltene Länge 3,3
cm.
Grauer blättriger Ton, weniger dicht als 2.
Graubraune, durch
Feuereinwirkung leicht gerötete Oberfläche.

4. Spinnwirtel aus Ton;
braun-schwarze geglättete Oberfläche.
Durchmesser 2,6
cm, Höhe 1,7 cm.
Leicht doppelkonische Form; Unterseite leicht trichterförmig
eingezogen; Oberseite etwas abgeplattet.
Durchbohrung von 5 mm Durchmesser;
Durchbohrung erfolgte vor dem Brand von der Unterseite, der herausquellende Ton
formte an der Oberseite einen leichten unregelmäßigen Wulst (Abb. 3).

5. Bodenbruchstück eines Siebes,
schwarzgrauer Scherben und Oberfläche,
rauhwandig.
Bodendurchmesser 10 cm.
Der Schüsselboden wurde vor dem Brand von
innen nach außen durchstochen. An den zwölf erhaltenen Sieblöchern sind
beidseitig deutlich Randwülste erhalten
(12 Zu eisenzeitlichen Siebgefäßen: M.E. MARIËN, Le groupe de la Haine
(1961) Abb. 50, 65 S. 119 - Ch.
LEVA, Vestiges de l'Age du Fer découverts à Rumst , Ann. Féd. Arch.
Hist. 36, Gand 1956, 119 fig. 8, 3 - E. RAHIR, L'Age du Fer à La Panne.
Bull. Soc. Anthr. Brux. 42 (1927) 41 fig. 11, Q.R.)
(Abb. 3).

6. Wand(?)bruchstück eines Gefäßes von unbestimmter Form.
Dunkelgrauer Scherben
und Oberfläche, leicht geglättet.
Nach dem Brand wurde die Scherbe von zwei
Seiten trichterförmig durchbohrt.

7a. Scherben einer kleinen Tasse oder eines sogenannten Eierbechers mit flach
abschließendem Rand
(13 Zu sogenannten Eierbechern: G.J. VERWERS, Das Kamps Veld in Haps in
Neolithikum, Bronzezeit und Eisenzeit. Analecta Praehist. Leidensia 5 (1971)
63 ff. bes. 128 ff. - R. STAMPFUSS, Die Blouswardt in Praest, eine
niederrheinische Wurt. Bonner Jahrb. 178 (1978) 53 ff. best 73 mit weiterer
Literatur).
Grauschwarzer Scherben und Oberfläche.
Unregelmäßig geglättet.
Randdurchmesser
7,5 cm.

7b. Bodenbruchstück einer kleinen Tasse.
Grauschwarzer Scherben und Oberfläche,
leicht geglättet.
Bodendurchmesser 3,5 cm.
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