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Römerzeitlicher Friedhof des 1. Jh. n. Chr.

bei Mamer-"Juckelsboesch"

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Gérard Thill
in: Hémecht, 1977/1


ZUSAMMENFASSUNG:
Entdeckt und ausgegraben in den Jahren 1972 bis 1976 durch Pfarrer Georges Kayser und seine Mitarbeiter auf dem Plateau des "Juckelsboesch" nördlich von Mamer, rund hundert Schritte südöstlich der Vermessungsmarke 351,5 m ü. NN.

Auf einer Fläche von 50 x 20 m kamen 38 Fundkomplexe, in der überwiegenden Mehrzahl Brandgräber, zum Vorschein, die bis auf wenige Ausnahmen ziemlich beigabenarm ausgestattet waren.

Als Besonderheit  ist hier der Fund einer halbkugeligen, gerippten Mosaikschale von blauer Grundfarbe anzusehen, die ohne erkenntlichen Grabzusammenhang in der Nähe von Grab 18 gefunden wurde.

Bei einigen Gräbern wurde eine kistenförmige Grabanlage beobachtet. Ein Scheiterhaufenplatz konnte nicht entdeckt werden. Der kleine Friedhof ist jedoch nicht vollständig untersucht worden. Auch der zum Friedhof gehörige Gutshof konnte nicht eindeutig identifiziert werden.

Zur Datierung dienten die in mehr als der Hälfte der Gräber aufgefundenen Krüge (Ritterling 50B oder 52, Gose 362), Bronzefibeln, vornehmlich aus der 1. Hälfte des 1. Jh., 1 stark abgegriffenes As des Augustus (Lyon 10-3 v. Chr.; RIC 360) mit Gegenstempel des Tiberius, 1 prägefrisches As des Vespasian (Rom, 71 n. Chr., RIC 502 I).


Dieser Beitrag ist Herrn Pfarrer Georges Kayser gewidmet, in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der Archäologie. In nun mehr als zehnjähriger, uneigennütziger und fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Staatsmuseum Luxemburg hat er das Seinige dazu beigetragen, der Bodenforschung hierzulande einen neuen Auftrieb zu verleihen.

"Miécher", "Scheierheck", "Kreckelbierg'', "Telpeschholz", "Tonn" und nun Juckelsboesch" sind nur einige Fluren im näheren Umkreis seines Heimatdorfes Nospelt, wo die Spürnase des unermüdlichen Suchers und seiner Getreuen ein mehr oder weniger ergiebiges Arbeitsfeld fanden; nicht zu reden von ungezählten Einsätzen bei Notgrabungen in anderen Landesteilen. Seinen Ausgrabungen verdanken wir nicht nur eine große Anzahl von außergewöhnlichen Fundstücken (die allesamt im Staatsmuseum Luxemburg zu bewundern sind!), sondern indirekt auch eine Reihe von Veröffentlichungen, welche vornehmlich durch die Zeitschrift "Hémecht" wichtige archäologische Entdeckungen bis weit über die Grenzen unseres Landes bekannt machten.

1. Die Lage und Grabungsumstände

Der „Juckelsboesch“, ein etwa 150 ha großes, rautenförmiges, allseitig von bewaldeten Bachtälern begrenztes Sandsteinplateau, liegt halbwegs zwischen Kehlen (im Norden) und Mamer (im Süden); es gehört zur letztgenannten Gemeinde.

Erst im 19. Jh. wurde die westliche Hälfte des Plateaus gerodet. Dabei kamen archäologische Funde zutage, denen man leider zu geringe Beachtung schenkte und die heute bis auf einige im Staatsmuseum verwahrte Stücke größtenteils wieder verschollen sind.

Im Walde versteckte Grabhügel - unweit der in der süd-östlichen Plateau-Ecke gelegenen Fliehburg mit Abschnittswall (1 Vgl. Reinhard Schindler, Vor- und Frühgeschichtliche Burgwälle im G.-H. Luxemburg, Plan 5, Trier 1977) lockten natürlich Schatzgräber. Mit welchem Erfolg, weiß man nicht.

Seit Jahrzehnten schon begehen mehrere Sammler die Felder dort oben und lesen vor allem steinzeitliche Artefakten auf. Gelegentlich wurden auf diese Art auch latènezeitliche Funde getätigt; in einem Falle führten zahlreiche Tonscherben, die durch die Pflugschar ans Tageslicht gefördert worden waren, zur Entdeckung einer eisenzeitlichen Siedlungsstelle im südwestlichen Zipfel des Plateaus (2 Herr Professor Marcel Lamesch, der erfolgreichste Sammler des "Juckelsboesch", bearbeitet seit einiger Zeit diesen, vornehmlich aus Tongefäßen bestehenden Fund­komplex, zu dessen besseren Deutung allerdings noch eine sachgerechte Nachgrabung aussteht.).

Desgleichen wurden römische Ziegelstücke, Scherben und Metallgegenstände gefunden. An einer Stelle, rund hundert Schritte südöstlich der Vermessungsmarke 351,5 m ü. NN (3 Vgl. Topographische Karte Luxemburgs 1:20000, Capellen - 21; ein Ausschnitt dieses Blattes in "Hémecht" 1973/4, J. Metzler, Ein gallo-römischer Vicus beim Tossenberg, Mamer, S. 485 ff., Tafel 2, bezeichnet das Gräberfeld mit T. Eigentümer des Ackers ist Herr Léon Pauly, Pächter Herr Jos. Brunsfeld-Feyereisen (+) aus Kehlen; beiden gebührt unser aufrichtiger Dank für die uneigennützige Bereitschaft, mit der sie die Ausgrabung zuließen), häuften sich solche Streufunde so lange, bis es schließlich zur Freilegung eines Grabes und schlussendlich des hier behandelten Gräberfeldes kam. Eine Fläche von rund 50 X 20 m wurde untersucht, ohne dass anzunehmen ist, dass somit die Grenzen der Anlage erreicht sind.

Etwa drei Dutzend Brandgräber kamen dabei zum Vorschein. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie ziemlich beigabenarm ausgestattet. Dort, wo sie "kistenförmig", z. B. mit Steinen umstellt, angelegt waren, ließen sie sich von den Ausgräbern leicht erkennen. Schwieriger waren schon die "nestartigen" Aschen- und Scherbenhäufchen als Gräber auszumachen oder voneinander zu unterscheiden.

Da die Grabgruben im allgemeinen nur ein bis zwei Spaten tief in den lockeren Sandboden eingelassen waren, hatten der Pflug und vorher die Baumwurzeln die Mobiliare teilweise aufgewühlt oder durcheinandergebracht.

Ausgegraben wurde in den Jahren 1972 bis 1976, jeweils nach der Ernte oder vor der Aussaat, also meistens zur schlechten Jahreszeit. Dass bei dieser notgedrungen unregelmäßigen Arbeitsweise die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gräbern und die Anlage der Gräberreihen (wenn es eine gab) schwierig zu erkennen waren, darf nicht wunder­nehmen. Immerhin hat Herr Pfarrer Georges Kayser erneut seinen Spürsinn unter Beweis gestellt, ihm freien Lauf gelassen und ohne viel Aufhebens - unterstützt von einigen getreuen Mitarbeitern, vornehmlich Herrn René Gary - geborgen, was es da zu bergen gab. Natürlich geschah dies im Interesse des Staatsmuseums, wie so üblich bei Pfarrer Kayser.

2. Die Beigaben (Taf. I u. II)

Auf einen regelrechten Grabungsbericht und eine detaillierte Analyse der Grabinventare muss hier - nur zum Teil allerdings wegen der oben angeführten Gründe - verzichtet werden. Lediglich einige typische Grabkombinationen (wie 19, 24, 27, 34) sollen erwähnt oder zeichnerisch dargestellt werden.


Mamer Juckelsboesch. Auswahl von Keramik und Glas.
Tafel I
Auswahl von Keramik und Glas (Gr. 27a)
aus den frühkaiserzeitlichen Gräbern 1-27 vom "Juckelsboesch" (Maßstab 1/5)

Mamer Juckelsboesch. Auswahl von Keramik und Glas.

Tafel IIa
Auswahl von Keramik und Glas (Gr. 37a)
aus den frühkaiserzeitlichen Gräbern 33-38 vom ,,Juckelsboesch" (Maßstab 1/5).

Grab 19 könnte das eines Kindes gewesen sein, wegen der ausschließlich kleinen, grautonigen Gefäße: ein Becher, zwei Tässchen, ein Krüglein sowie ein Gieß- oder Saugnäpfchen mit Tülle.

In weit mehr als der Hälfte der Gräber waren einhenklige - auch einige größere, doppelhenklige - Krüge beigegeben (die Typen begegnen wir vor allem im frührömischen Lager Hofheim, vgl. Ritterling 50B oder 52).

Drei Gräber enthielten ein Glasgefäß (18: Mosaikschale; 27a: Fläschchen; 37a: Balsamarium). Zwei bargen ein Fibelpaar (16; 38) und vier je eine Fibel (11; 12; 19; 31). Die zwei einzigen Münzen des Friedhofs stammen aus den Gräbern 13 und 15. Bei der ersten handelt es sich um einen unter Kaiser Augustus geprägten As (Lyon 10-3 v, Chr.; RIC 360) welcher unter Tiberius einen Gegenstempel erhielt und stark abgegriffen aussieht; ein Krug desselben Grabes - Form Gose 362 - gehört ebenfalls der tiberischen Zeit an. Die zweite Münze, ein As des Kaisers Vespasian (Rom 71 n. Chr., RIC 502 I) wirkt sozusagen, prägefrisch und dürfte also nicht lange im Umlauf gewesen sein (4 Die Bestimmung der Münzen besorgte Herr R. Weiller vom Staatsmuseum). Ein bronzenes Metallöffelchen wurde zwischen den Gräbern 3 und 4 aufgefunden.

[Wilhelm, 1979]

151 BOUTEILLE

Panse piriforme. Fond aplati. La lèvre manque.
Teinte: Verre translucide bleuâtre.
Isings, forme 26a.

Dimensions: H. 12 cm, Ø 8,2 cm, col 2,5 cm.
Date: Ier siècle.
Musée 1972. - No d'inventaire 1972-111/a.

Provenance: «Juckelsboesch», commune de Marner. Nécropole romaine I, tombe 27. 1972.

Réf. PSH 89, 1975 p. 387 (RC).- Thill, Römerzeitlicher Friedhof bei Mamer-«Juckelsboesch» (1. Jh. n. Chr.), p. 7, pl. I,27a (Hémecht 1977,1).

152 Lacrymatoire (balsamaire)

Col et panse séparés par une légère dépression circulaire.
La partie supérieure manque. Fond aplati.
Teinte : Verrre incolore, nuance bleue
Isings, forme 8.

L. du fragment : 8,7 cm, Ø pance 2,2 cm.
Date : Ier siècle.

Musée 1972. - No d'inventaire 1972-111/b.

Provenance: «Juckelsboesch», commune de Mamer. Nécropole romaine I, tombe 37. 1972.

Réf. PSH 89, 1975 p. 387 (RC).- Thill, Römerzeitlicher Friedhof bei Mamer-«Juckelsboesch» (1. Jh. n. Chr.), p. 7, pl. II,37a (Hémecht 1977,1).

Ab und zu (z. B. in den Gräbern 25 u. 26) fanden sich in der Aschenschicht korrodierte Eisennägel, wohl Sargüberreste, die mit dem am Scheiterhaufen aufgelesenen Leichenbrand in die Grabgruben gelangt waren.


Mamer Juckelsboesch.Bronzene Fibeln und Löffelchen
Tafel II
Bronzene Fibeln und Löffelchen
aus den Gräbern 11, 12, 16, 19,31,38; 3-4 (Maßstab 1/2
).

Wie die Münzen, datieren auch die Fibeln, die Gläser und die Tongefäße aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert, vornehmlich aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Letztere setzen teils grobtonige Formen der Spätlatènezeit fort, teils gehören sie zu den bekannten Terra-Belgica­Typen der frühen Kaiserzeit; Terra Sigillata fehlt gänzlich. Auffallend ist eines der seltenen, mit Rankenmustern verziertes Krüglein aus weißem, glasierten Ton (Gr. 34b).

Die Mosaikglasschale (Taf. III, IV )

Fundplatz: Grab (?) 18

Im Mittelpunkt etwa des kleinen Friedhofs vom "Juckelsboesch" kam dieses Prunkstück unter dem sonst eher bescheidenen Gräbermobiliar zum Vorschein. Völlig unversehrt stand die Glasschale im Sandboden, nur eine Handspanne tief unter der Ackeroberfläche, einen Schritt entfernt vom heutigen Wegesrand. Ganz isoliert fanden sie die Ausgräber vor; kein Zusammenhang soll zu erkennen gewesen sein mit zwei in der Nähe liegenden, fragmentarischen Tongefäßen, einem TB-Teller und einer Schüssel. Eine Grabgrube ließ sich ebenfalls nicht im näheren Umkreis feststellen, so dass die Frage berechtigt scheint, ob die Glasschale überhaupt als eine zu einem bestimmten Grab gehörige Beigabe anzusehen ist.

Bol de verre côtelé Mamer Juckelsboesch
Bol de verre côtelé
Mamer-«Juckelsboesch». 2e moitié du 1er siècle après J.-C. H. 5,2 cm, Ø 9,5 cm

Foto: Albert Biwer, MNHA

Bol de verre côtelé
Le bol de verre polychrome (brun violacé à spirales blanches) imite l’agate rubanée. Il a été fabriqué en façonnant de petites plaques de verre coloré à plusieurs reprises, au moyen d’un moule côtelé. Ce vase très rare a été trouvé intact dans une nécropole du 1er siècle entre Kehlen et Mamer, fouillée entre 1972 et 1976. La découverte est due au pionnier de l’archéologie luxembourgeoise, l’abbé Georges Kayser et à ses compagnons bénévoles.

Source: Musée National d'Histoire & d'Art, Luxembourg

Beschreibung

Ein halbkugeliges und relativ dickwandiges Schälchen (Höhe: 5,2 cm; Dm. am Rand: 9,5 cm); 18 senkrechte, hervorstehende Rippen gliedern die äußere Wandung auf; sie reichen von unterhalb der glatten Randzone bis an die sehr leicht aufgewölbte Standfläche heran, wo sie auslaufen (Isings, Form 3b) (5 C. Isings, Roman Glass from dated finds, Groningen 1957).

Die Grundfarbe des Glases ist amethyst-blau; je nach Be- oder Durchleuchtung kann sich die Farbenskala verändern und violette, burgunderweinrote und schwarze Schattierungen aufweisen. Die weißen Farbeffekte sind besonders reizvoll und rühren von spiral-, schlieren-, wellen- und bandartigen Gebilden her, welche die Glasmasse regellos zu durchwachsen scheinen und an Innen- sowie Außenseite mehr oder weniger opak zum Vorschein kommen. Auf der inneren Randzone zeigen sich die weißen Spiralmuster kleiner und geschlosse­ner, auf der inneren Bodenfläche hingegen größer und aufgelöster.

Die rippenverzierte Außenwand zeichnet sich auch heute noch, trotz beinahe 2000jähriger Lagerung im ungünstigen Sandboden, durch ihren auffallenden Politurglanz aus; die Standflache. der äußere Schalenrand, sowie das Gefäßinnere schimmern hingegen nur (mehr?) matt. Die letztgenannten, glatten Stellen, insbesondere die Schalenlippe, weisen übrigens unter dem Vergrößerungsglas typische Spuren des Schleifräd­chens auf, mit dem sie überarbeitet werden konnten, im Gegensatz zu der reliefierten Rippenzone, die durch erneutes Aufwärmen im Feuer poliert werden musste.

Herstellungstechnik und Wert

Das führt uns zu der raffinierten Herstellungstechnik dieser schon in der Antike sehr geschätzten und kostbaren marmorierten Buntgläser, die man eine Zeitlang "Murrinen", auch "Millefiori" nannte; heute scheint man den Ausdruck "Mosaikgläser" vorzuziehen (6 Grundlegendes dazu sMamer Juckelsboesch.Entdeckung und Bergung der marmorierten Rippenschale aus Glas durch  René Garychrieb schon A. Kisa in seinem Standardwerk "Das Glas im Altertum II", Leipzig 1908, S. 501 ff. Hier ein Auszug, zu dem allerdings jüngere Autoren Varianten vorschlagen: "Diese wundervollen Gefäße, die zu den schönsten und kunstvollsten der antiken Glasindustrie gehören, sind zumeist flachrunde oder halbkugelige Schalen auf niederem Fuß oder unten einfach gerundet, ungehenkelt und ohne jede plastische Verzierung, mit Ausnahme senkrechter Rippen, welche viele von ihnen bis zum Rande hinauf gliedern. Die Mosaikplättchen, aus welchen sie zusammengesetzt sind, wurden in einer Hohlform aus Terrakotta nebeneinander gelegt und entweder durch Hitze erweicht, wobei die einzelnen Stücke an den Rändern sich verbanden oder durch eine meist farbig durchsichtige Glasblase vereinigt, welche man von innen einblies, so dass sie die Lücken zwischen ihnen füllte und im Innern einen überfang bildete, welcher die Form zusammenhielt und zu weiterer Bearbeitung durch Pressung und Schliff geeignet machte. Die Plättchen wurden durch Quer-, manchmal auch durch Schrägschnitte aus Stabbündeln gewonnen. Wurden sie, wie das bei den einfacheren Arbeiten der zuerst genannten Art mitunter geschah, nicht weiter bearbeitet, so erscheint ihr Äußeres nicht ganz ebenmäßig gerundet, sondern leicht gekantet, aus kleinen, den Mosaikplättchen entsprechenden Flächen zusammengesetzt. Zumeist aber wurde die Schale durch Hitze erweicht und durch Pressung genau der Hohlform angepasst, wobei auch die Rippen, welche von ihnen so viele zeigen, ausgeprägt wurden. Die Unregelmäßigkeiten der Außenseite wurden durch nachträgli­ches Anwärmen und durch Abschleifen beseitigt.").

Ohne hier auf den komplizierten Arbeitsvorgang einzugehen, möchten wir nur hervorheben, dass Schalen dieser Art in Hohlformen oder Modeln (z. B. aus Terrakotta oder Metall) gepresst, mit einer durchsichtigen Glasblase von innen überfangen und schließlich teils durch Schleifen, teils durch Feuerpolitur überarbeitet wurden. Dabei musste die zu verarbeitende polychrome Glasmasse durch fortwährendes Wiedererwärmen plastisch genug gehalten werden.

Entdeckung und Bergung der marmorierten Rippenschale aus Glas durch  René Gary, dem engsten Mitarbeiter von Pfarrer Georges Pfarrer Kayser.
(Quelle: Den Ausgriewer 2008, S. 18, Zeitung vun den "D'Georges Kayser Altertumsfuerscher")

Man kann sich vorstellen, wie viel Sachkenntnis und Fingerfertigkeit die antiken Glasmacher aufbringen müssten bei der Anfertigung solcher spröden Luxusgläser. Die meisten Werkstücke verunglückten notge­drungen unterwegs und nur wenige Endprodukte fielen völlig befriedi­gend aus.

Die spezialisierten Werkstätten von Alexandrien (später auch Rom) suchten ihre Fabrikationsrezepte geheimzuhalten, was den Seltenheitswert der Mosaikgläser nur förderte und ihren Preis natürlich für gewöhnliche Sterbliche unerschwinglich machte. Ob es sich in den Augen der antiken Liebhaber um einen Ersatz für die aus Alabaster oder gar Achat und Onyx geschliffenen Gefäße oder eine täuschend ähnliche und bewusst irreführende Imitation aus Glas handelte, ist eine diskutierte Frage; sie hatte aber bei der Geheimniskrämerei der oben erwähnten Manufakturen wahrscheinlich einen geringeren Einfluss auf den Preisunterschied als man heutzutage annehmen könnte (7 Die astronomischen Preise, die z. B. für die geheimnisumwitterten "Murrinen" ausgesetzt wurden, lassen den modernen Leser von Plinius, N.H. 37, 7, Sueton, Properz u. a. sprachlos); ihr Handelswert war sicherlich dem von Edelsteinarbeiten vergleichbar!

Mosaikschale von Mamer- „Juckelsboesch“: Sicht auf das umgestülpte Gefäß
Tafel IV
Mosaikschale vom „Juckelsboesch“: Sicht auf das umgestülpte Gefäß

Mamer-Juckelsboesch, Die innere Bodenfläche der marmorierten Rippenschale
Die innere Bodenfläche.

 

Vergleichsstücke

Scherben buntmarmorierter Rippenschalen kommen in unseren Gegenden verhältnismäßig häufig vor. Ganz erhaltene Exemplare dieser Gefäßgattung sind hingegen äußerst selten. Das Staatsmuseum Luxemburg besitzt schon ein solches seit dem 19 Jh. (8 PSH 21 (1866) S. XXV u. XXXV;) Eugénie Wilhelm, La verrerie gallo-romaine au Musée d'Histoire et d'Art, Luxembourg 1969, S. 12, Nr. 6, Farbtafel S. 47; Wilhelm Reusch, Rippenschale aus buntem Glas von Nahbollenbach, in Aus der Schatzkammer des antiken Trier, 1959, S. 31-32, Abb. 2; W. Reusch, Treverergrab aus Nahbollenbach (Kr. Birkenfeld), in Trierer Zeitschrift 1956/58, I, S. 111-112, Taf. 26; Katalog: Römer am Rhein, Köln 1967, S. 257). Es stammt von einer römischen Fundstelle in Thiaumont unweit Arlon. Seine Farben: gelb mit weinrot-brauner "Maserung"; seine Maße: H. 5,5 cm ; Dm. 10 cm ; 19 Rippen, wovon eine doppelte. Dieses Stück gleicht so sehr in Farbenskala und Maßen dem von Nahbollenbach - das im Trierer Landesmuseum aufbewahrt wird - dass es aus derselben Werkstatt (nicht aber Pressform, denn letzteres hat 24 Rippen!) zu stammen scheint (9 W. Reusch, Aus der Schatzkammer des antiken Trier, S. 27 ff. - T.Z. 1956/58, S. 103 ff.; Katalog: Römer am Rhein S. 257, D 7 (alle mit Farbtafel)).

Größere Fragmente von geripptem Buntglas, deren Form gesichert ist, bargen die Gräber von Hellingen, aus welchen ja auch die prachtvolle Mosaikschale vom flachen, ungerippten Typus herrührt (10 Vgl. PSH 9 (1854); Eugenie Wilhelm, La Verrerie de l'époque romaine au Musée d'Histoire et d' Art, Luxembourg, 1969 Nr. 4 u. 1; G. Thill, Frühkaiserzeitliche Grabbeigaben von Hellingen (G.-H. Luxemburg), in Archäologisches Korrespondenzblatt 5/1975, S. 69 ff.).

Datierung

Nördlich der Alpen gehören die rippenverzierten Mosaikgläser ganz allgemein in die erste Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, wie das ja z.B. auch der Fall ist beim bestdatierten Stück unserer Gegenden, der Nahbollenbacher Rippenschale (11 Vgl. o.c. T.Z. 1956/58, S. 113).


Mamer Juckelsboesch. Gesamtplan der Grabung 1972-1976
Gesamtplan der Grabung 1972-1976
(Quelle: Den Ausgriewer 2008, S. 18, Zeitung vun den "D'Georges Kayser Altertumsfuerscher")

 

[Wilhelm, 1979]

150 BOL COTELÉ

D'une petite zone lisse sous la lèvre partent sur la paroi plutôt épaisse dix-huit côtes verticales qui se rajeunissent vers la base, laquelle est légèrement concave. Intact.
Pâte de verre polychrome: brun violacé à spirales blanches imitant l'agate rubanée (l'améthyste prend des teintes brunes au cours de la fusion.)
Isings, forme 3b.

Dimensions: H. 5,2 cm, Ø 9,5 cm.
Date: 2e moitié du Ier siècle.
Musée: sept. 1976. - No d'inventaire 1976-128/1.

Provenance: «Juckelsboesch», commune de Marner. Nécropole romaine. Emplacement no 18. Découverte isolée à faible profondeur (n'a sans doute pas fait partie d'un mobilier funéraire.) 1972.

Réf. Thill, Römerzeitlicher Friedhof bei Mamer-«Juckelsboesch» (1. Jh. n. Chr.), pl. 8-10, pl. III-VI (Hémecht 1977,1). - PSH 92, 1979 p. 202 & 207 (RC).


 

Rippenschale marmoriert
Zum Vergleich:
Rippenschale. Glas. Braun-weiss marmoriert. Römisch. Winterthur (ZH), Oberwinterthur, Unteres Bühl. (A-86191)
© Copyright 2009 by Swiss National Museum / Disclaimer

3. Schlussfolgerung

Ob die kleine gallo-römische Gräberstätte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts auf "Juckelsboesch" in ihrer Gesamtheit und erschöpfend untersucht wurde, scheint nicht sicher. Die 38 entdeckten Fundkomplexe, von denen die meisten aus der ersten Jahrhunderthälfte datieren, waren kisten- oder nestartig angelegt. Ihre Zusammensetzung und Stellung zueinander ging nicht klar aus dem Befund hervor. Eine Einfriedung, wie sie sich des öfteren in den treverischen "Grabgärten" dieser Zeit vorfindet, konnte nicht beobachtet werden. Auch keine Scheiterhaufenstelle kam zutage. Etwas rätselhaft mutet die Gegenwart der - im Vergleich zu den übrigen, eher ärmlichen Grabmobiliaren - kostbaren Mosaikglasschale an.

Mamer Juckelsboesch. Pfarrer Georges Kayser Mamer-Juckelsbusch. Mosaikglasschale bei ihrer Bergung
Tafel III
Mosaikglasschale bei ihrer Bergung (Foto: G. Kayser); daneben, der glückliche Finder.

Mamer-Juckelsboesch. Grabungsjournal von Pfarrer Kayser
Ausschnitt aus dem Grabungsjournal von Pfarrer Kayser
(Quelle: Den Ausgriewer 2008, S. 18, Zeitung vun den "D'Georges Kayser Altertumsfuerscher")

Wie gewöhnlich stellt sich die Frage der Zugehörigkeit dieses Gräberbezirks zu seinem benachbarten Gutshof. Ob es sich um einen in der Frühzeit noch üblichen Holz- und Lehmbau handelte? Auf der ausgedehnten Hochfläche selbst zeugen jedenfalls außer vereinzelten Ziegelfragmenten keine Trümmer von einer der landläufigen Römervillen.

In der umliegenden Ebene gibt es hingegen mehrere Trümmerstätten aus römischer Zeit: auf "Rouer" (etwa 800 m); "Ielboesch", "Neimillen", "Millebierg" (etwa 1 400 m); "Gaschtbierg", "Hireboesch", "Aedemer" (etwa 2000 m) (12 Vgl. "Hémecht" 1973/4. Tal. 2). Von ihnen käme doch wohl wegen der Entfernung am ehesten die erste Fundstelle in Frage.

Siedlungsspuren um das Gräberfeld von Mamer-Juckelsbusch
Römische Siedlungsspuren um das Gräberfeld vom "Juckelsbësch"

Karte: Carte régionale 1:20000
 © Origine Administration du Cadastre et de la Topographie Luxembourg (ACT)
Interaktive Kartenwerke Luxemburg 3D

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