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DER
INNENRAUM DER MAMER PFARRKIRCHE
DIE KANZEL
Die 1733 geschaffene
Kanzel, ein Juwel spätbarocker
Landkirchenkunst, gilt als das Meisterwerk des Bildschnitzers Nicolas Greeff
(Sohn).
Ursprünglich stand die Kanzel an der
nördlichen Seitenmauer des Kirchenschiffs; 1932 wurde sie an den Südwestpfeiler
des Querschiffs in die Nähe des Marienaltars versetzt, wo sie besonders
vorteilhaft zur Geltung kommt, als eindrucksvolle Ergänzung zum Marienaltar,
aber auch als wesentliche Komponente eines harmonischen Ensembles. Bei dieser
Versetzung wurde der seitliche, geschwungene Treppenaufgang durch einen neuen
Zugang ersetzt.

Foto: Lucien Mayer, in
[Stoffel 1988]
Vol I., S. 44, Nr. 126.

Foto: Lucien Mayer, in
[Stoffel 1988]
Vol I., S. 44, Nr. 125.

Da die Kanzel als "hängend"
- d. h. frei schwebend, ohne Stütze an der Wand befestigt - konzipiert ist, konnte
der Kanzelkorb nach unten, statt eines Stützpfeilers, durch einen Zapfen in Form
einer herabhängenden Traube abgeschlossen werden.

Zum
Kanzelkorb hinauf führt ein Aufstieg, der im Vergleich zu der prunkvollen
Ausstattung der Kanzel auffallend einfach gehalten ist. Da die Kanzel ihren
Standort gewechselt hat, handelt es sich hier wahrscheinlich nicht um den
ursprünglichen Aufgang. Aber bei dem etwa 1 m großen, aus Eichenholz
geschnitzten, rautenförmigen Relief, das am Geländer angebracht ist, dürfte es
sich um ein authentisches Werk aus dem Greeff-Atelier handeln, das
wahrscheinlich senkrecht am ehemaligen Kanzelaufstieg - oder vielleicht auch an
der Kanzeltür selbst - befestigt war.
Dieses
bemerkenswerte Holzrelief schildert einen Adler, der während seines Höhenflugs
zum Kanzelkorb hinauf der Verlockung der reifen Früchte (Beeren oder Trauben)
nicht widerstehen konnte, sich aber beim Naschen im Gestrüpp des reich
geschnitzten Rankenfeldes verfangen hat, und sich nun mit verzweifeltem
Flügelschlag aus seiner misslichen Lage zu befreien versucht. Solche
moralisierenden Darstellungen finden sich an vielen Treppenrampen und -läufen
berühmter Kanzeln, so als wollten sie dem Prediger einen letzten thematischen
Hinweis für seine Predigt liefern.

Seit
dem bei den antiken Kulturvölkern gebräuchlichen
Bestiarium
gehört der Adler zu den Tieren mit den meisten Superlativen: als König der Lüfte
war er der stärkste unter allen Vögeln, konnte am höchsten fliegen, hatte die
schärfsten Augen, mit denen er direkt in die Sonne blicken konnte, ohne
geblendet zu werden. So wurde der Adler zum Sinnbild für geistige Höhe und
göttliche Majestät, für Allmacht, Allwissenheit und
Besonnenheit, aber auch als Bezwinger der Schlange zum Symbol des Sieges über
das Böse; als Attribut
Jupiters
symbolisierte er die Macht des römischen Kaisers. In der christlichen Kunst
trägt er bisweilen seine Jungen auf seinen Flügeln zum Himmel empor und wird so
zum Symbol für die Auferstehung. Aufgrund dieser Charakteristiken wird er, wie
hier in Mamer - zum vielseitigen Elekorationsmotiv.

Die einzelnen Evangelistenbilder an den vier Seiten des Kanzelkorbes sind von
einem stark profilierten, feuerroten Rahmen umgeben; sie erscheinen mit ihren
Attributen, jeweils in halbfigurativer Darstellung, in ovalen Medaillons, die
von geknotetem Blattwerk mit eingeblendeten Perlenketten gebildet werden. Die
Medaillons ruhen auf einer sich breit ausdehnenden Konsole aus Akanthusblättern,
die nach unten mit einer voll entfalteten Blume abschließt. Über den Blumen
entrollt sich, gleichsam als Kapitell, eine goldleuchtende Doppelspirale, die an
den oberen ionischen Bestandteil der Kompositkapitelle der Altarsäulen erinnert.
Über den einzelnen Medaillons befindet sich eine konkave, baldachinartige
Muschel mit einem sich strahlenförmig ausbreitenden Blattwerk. Dieses Motiv
finden wir auch an den drei Altären als bekrönenden Abschluss. Die vier Paneele
des Kanzelkorbes werden durch holzgeschnitzte Girlanden getrennt, die aus voll
erblühten Blumen zusammengesetzt sind.
Die
Attribute der
Evangelisten
(Löwe für
Markus,
Stier für
Lukas,
Mensch für
Matthäus,
Adler für
Johannes)
haben ihren Ursprung im
Tetramorph,
d. h. in den vier Wesen aus der Vision des
Ezechiel,
die im Himmel den Thron des Himmelskönigs umstehen. Diese Vision erinnert an die
bei den Babyloniern gebräuchliche
Himmelssymbolik
der Sternbilder Stier, Löwe, Adler und Mensch.
Die
einzelnen Evangelisten sind stark differenziert und charakterisiert. Obschon sie
alle lockiges Haar tragen, sind die Locken doch individuell verschieden. Obschon
sie alle ihre Schreibfeder einsatzbereit vorzeigen, wurden sie vom Bildschnitzer
dennoch in einem ganz genau bestimmten Augenblick festgehalten. Die
halbfigürliche Darstellung der Evangelisten gilt als Besonderheit, da die von
Greef geschaffenen Kanzeln sonst mit ganzfigürlichen Reliefs versehen sind.
Sehr
eindrucksvoll ist auch die verschiedenartige Gewandung mit dem jeweiligen,
kunstvollen Faltenwurf.
Unter dem sechsseitigen
Baldachin,
der mit einem Saum von glockenartigen Kordeln umgeben ist, schwebt eine
Taube als Symbol des
Heiligen Geistes.
Die Ecken des Baldachins sind mit lausbubenhaften Engelsköpfen verziert, die
gespannt den Kirchenraum beobachten.

Elegante, schwungvolle Streben, die aus kunstvoll geschnitztem Blattwerk
gebildet werden, führen von den Ecken des Baldachins aus hinauf zum Sockel
mit dem bekrönenden Posaunenengel. Dieser Engel war 1960 durch ein
neoromanisches Kreuz ersetzt und links neben dem Muttergottesaltar
angebracht worden, bis er dann 1980 wieder an seinen Stammplatz auf den
Schalldeckel der Kanzel zurückgestellt wurde, wo er einen guten Übergang vom
Holzschnitzwerk zur Steinarchitektur der Gewölbegurte darstellt.

Foto: Jos Thiel, 2011
An der Rückwand des Kanzelkorbes zeigt ein Relief Christus als den
Guten Hirten,
der ein verirrtes Schaf auf den Armen trägt. Im darüber liegenden, konvexen,
mit einer Krone versehenen Medaillon, das von zwei schwungvollen Engeln wie
eine Wappentafel gehalten wird, steht die lateinische Inschrift in goldenen
Majuskeln "EGO SUM PASTOR BONUS" (Ich bin der Gute Hirte). Hier wird
auch auf das Geburtsjahr der Kanzel hingewiesen: 1733.
Das Thema des "Guten Hirten" war besonders in der Kunst des Barock
ein beliebtes Thema, das gerne an den Kanzeln behandelt wurde (Epheser
4,11).


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