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VEREINSCHRONIK DER CHORALE SAINTE-CECILE

Von Henri Wilmes
in: Chorale Sainte-Cécile Mamer 100e annversaire, Imprimerie Saint-Paul, Luxembourg 1983, Ss. 17-67, (mit Ergänzungen).
[=Wilmes 1983]


KAPITEL 1 1.1

Die Anfänge des Kirchenchores

Als Untertitel müßte - überraschenderweise - stehen: "Mutmaßungen über ein Entstehungsjahr". Das wird angesichts der Feierlichkeiten, die eben dieses Jahr zum hundertjährigen Bestehen stattfinden, etwas befremdend klingen, ist es allerdings für den Historiker nicht. Nichts ist nämlich, nach den augenblicklich vorliegenden Dokumenten, schwieriger als die unumstrittene Aussage: die Chorale Sainte-Cécile von Mamer ist im Jahre soundso ins Leben gerufen worden. Versuchen wir, die These chronologisch und zeitgeschichtlich zu belegen.

Mit einer lapidaren Feststellung, wie wir sie einem Dokument von Nic. Flener (1954) entnehmen, wo es heißt: "Es war wahrscheinlich von alters her ein Kirchengesang in Mamer, der jedoch auch kaum damals das war, was man heute unter einem Verein versteht", läßt sich recht wenig anfangen, weil kein Beleg weder für den ersten Teil der Aussage noch für die zweite Vermutung vorgebracht wird. Auf einen freundlichen Hinweis von Herrn Nic. Stoffel­ Hansen hin, glaubten wir, zumindest eine Bestätigung für den ersten Teil der Aussage gefunden zu haben. So hält Joseph Hess in seinen "Altluxemburgische(n) Denkwürdigkeiten. Beiträge zur Luxemburger Kultur- und Volks­ kunde" folgenden Tatbestand fest: "Am 24. Oktober 1734 erzwangen sich die Vespersänger von Mamer auf Engelkirchweih ein Zugangsrecht zur Kirche durch die Sakristei, dies mit Gewalt und haufenweise, wider den Einspruch des Pfarrers. Dieser gibt die Sache vor Notar J. M. Reding zu Protokoll."

Überprüft man nun an der Quelle, auf die Professor Hess sich beruft, so ergibt sich bei Schon in Heft 3 (S. 342) eine winzige, aber folgenschwere Verschiebung: Schon spricht nämlich von Vespergängern! Tröstlich, daß auch bedeutenden Gelehrten Lesefehler unterlaufen; aber für die Chorale ist leider ein vielsagender Hinweis auf eine frühzeitige Existenz hinfällig geworden.

Die Entstehung des eigentlichen Kirchenchores fällt in die Amtsperiode des aus der Hauptstadt gebürtigen Pfarrers Peter Nicolas Wittenauer, der am 12. Dezember 1877 seinen Dienst als Nachfolger von Pfarrer Joseph Metz (von September 1858 bis Dezember 1877 in unserer Ortschaft) antrat. Die Präambel der neuen Statuten des Jahres 1952 lautet nämlich wie folgt:

"Der Verein (Chorale Ste. Cécile Mamer) wurde gegründet unter Pfarrer Nic. Wittenauer im Jahre 1879 oder 1880. ( ... ) Patronin des Vereins ist die heilige Jungfrau und Märtyrin die hl. Cäcilia." Mithin könnte die Jubilargesellschaft schon drei oder vier Jahre weiter als das Zentenarium sein, was nicht auszuschließen ist.

Wir müssen an dieser Stelle einen kurzen Abstecher in die lokal politischen Gefilde wagen; oder besser: Wir verweilen auf unseren (gesicherten ) Wegen und wagen einen Blick auf das verwirrende und heute noch kaum zu entstrickende Treiben auf der gemeindepolitischen Bühne, die ihrerseits nur, soweit man es aus der Zeitdistanz beurteilen kann, zu verstehen ist, wenn man sie landespolitisch einordnet.

Politik, und besonders die Mamer Dorfpolitik. hatte im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts einen klaren Hang zu einer "starken" und "schlagkräftigen" Argumentationsführung; vor zwanzig Jahren hatte Nic. Stoffel-Hansen in der Festschrift zur Fahnenweihe der Harmonie "Union" dies in einem mutigen Artikel "Unsere Großväter vor dem grünen Tisch" (S. 16-19) belegt. Auch Nic. Flener bestätigt in der bereits erwähnten Schrift, daß das Wahljahr 1879 für erheblichen Wirbel gesorgt hat; diese Auseinandersetzungen werden noch lange ihre Nachwirkungen zeigen.

Nic. Stoffel geht ebenfalls auf die Spaltung des Kirchenchors ein, die zur Gründung eines weltlichen Gesangvereins, eben der "Union", führt. Welcher Umstand letztlich zu der inoffiziellen Bezeichnung des zweiten Gesangvereins geführt hat - mindestens drei Versionen liegen der mündlichen Überlieferung zufolge vor - sei dahingestellt.

Für unsere Erwägungen sind sie zweitrangig. Wesentlicher ist folgende Deduktion: Wenn "von maßgebender Seite aus kurz vorher die Anzahl der Kirchensänger eingeschränkt worden (war), um dem Unfug auf der Empore Einhalt zu gebieten", und wenn weiterhin die" Union" 1884 gegründet wurde, so muß spätestens im Jahr vorher, also 1883, der kirchliche Gesangverein effektiv bestanden haben. Aber wie schon einleitend festgehalten: Weder Vereins-, noch Pfarr-, noch Gemeindearchiv geben eine bindende Antwort. Wir müssen also davon ausgehen, daß der Cäcilienchor frühestens 1879/80, spätestens aber 1883 ins Leben gerufen wurde. Eine absolute Gewißheit gibt es allerdings (noch) nicht.

Eine weitere, wenn auch negative Spur sei hier angedeutet: Im Regierungsbeschluß vom 29. Dezember 1883, der sich mit den "Subsidien zu Gunsten der Schulen und Vereine für Gesang und Musik für das Jahr 1883" befaßt, werden vier Gemeinden sowie 42 Gesang- und Musikvereine aufgeführt. Mamer wird allerdings, genau wie in den vorhergehenden Jahren, nicht erwähnt; auch unter den 6 Gemeinden, 25. Musikgesellschaften und 44 Gesangvereinen, die für das Jahr 1884 finanziell unterstützt werden, suchen wir vergeblich nach dem Namen unserer Ortschaft. Das wird sich für das darauffolgende Jahr ändern, eine Tatsache, die wir noch näher erörtern werden.

30. Dezember 1884 – Christtagfeier des Cäcilienchores

Wir haben den Zeitraum abgesteckt, in dem der Cäcilienchor gegründet worden ist - übrigens findet man bei den seltenen Zeitungsberichten aus der Ära von Pfarrer Metz noch keinen Hinweis auf einen eigenständigen Kirchengesangverein - und versuchen nun, kurz den kirchlichen und musikalischen Hintergrund zu erhellen, auf dem diese Gründung sich vollzogen hat; den politischen haben wir bereits erwähnt.

Die Wallfahrt während der Oktavzeit 1883 weist für Mamer die stattliche Zahl von 559 Pilgern auf - wir wagen nicht, dies auf das Jahr 1983 umzurechnen, die Kathedrale erwiese sich für die Pilger aus Mamer als zu klein! Wie bewegt das Jahr 1883 - als letztmögliches Datum der Gründung der Chorale - in unserer Ortschaft gewesen sein muß, geht aus der Tatsache hervor, daß Mamer als solches im Laufe des ganzen Jahres nur zweimal (!) in allen Ausgaben des "Luxemburger Wort" erwähnt wird. Außer der erwähnten Pilgerzahl erfolgt am 26. Dezember der traurige Hinweis, daß wenige Tage zuvor gegen halb zehn abends "ein Mutterschwein von einem Güterzug überfahren und gänzlich zermalmt worden ist". Der Rentner J. Schmit wird also 1884 ohne sein "Mutterschwein" auskommen müssen, 1884, wo erneut Gemeindewahlen stattfinden (am 30. Oktober; 195 Wähler), 1884, wo zum ersten Male Artikel in der Presse sich mit kirchenmusikalischen Problemen befassen.

Aufschlußreich ist der Hinweis: "So (= wie jeder Hausherr) hat auch unsere hl. Kirche das Recht, vorzuschreiben, wie, wann und was in ihrem Gotteshause gesungen werden darf." (Lux. Wort, 20. Dez. 1884). Die Auftritte der Gesangvereine werden also streng auf den kirchlichen Bereich beschränkt, ein "Referentencollegium", d. h. ein Gremium von "hervorragenden Autoritäten in der Kirchenmusik", begutachtet alle in Frage kommenden Kompositionen und veröffentlicht einen "Cäcilienvereinskatalog", einen Führer für alle Dirigenten und Sänger.

Eine siebenteilige Artikelserie, die zwischen dem 26. Januar 1885 und dem 25. Februar 1885 veröffentlicht wird, behandelt als Zentralthema den Choralgesang, läßt aber auch Rückschlüsse auf die damalige Lage bei den Cäcilienvereinen zu. So wird eigens in Sperrdruck hervorgehoben: "Darum soll keine Zeile vorgetragen werden, die nicht vorher regelrecht eingeübt ist." Das dürfte auch hundert Jahre später noch seine Richtigkeit haben. Etwas weiter wird ein aussagekräftiges Bild gebraucht, was den regelmäßigen Einsatz der "Schüler, Cäcilianer, Musikmeister und Dirigenten" betrifft: "Dem ist jedoch nicht so in den meisten Landpfarreien, wo der Boden, nachdem er lange als ödes Haideland unthätig gewesen, sich erst der mühsamen Arbeit des Rodens unterwerfen muß, um eine kaum die Mühe lohnende Saat abzuwerfen." (23. Februar 1885). Zwei Tage später meldet sich "Ein Verehrer der hl. Cäcilia" und trifft einleitend die Feststellung, die sich bei der Durchsicht der entsprechenden Jahrgänge der Pressebände bestätigt: "Es regt sich bedenklich auf dem Gebiete kirchlicher Tonkunst hier zu Land." In seiner Stellungnahme befaßt sich der Schreiber mit einem Problem, das in den Jahren nicht nur die Mamer Bevölkerung bewegt haben dürfte: "Welche Bedeutung können Privat­Gesangvereine auf Dörfern haben?" Er spricht mithin die Beziehungen zwischen kirchlichen und weltlichen Gesangvereinen an. Wir überlassen ihm ganz die Verantwortung für sein vernichtendes Urteil über die weltlichen "Liedertäfler": Es "ziemen den Sängern vier L. ( ... ): Liederfest, Lagerbier, Leberwurst und Lumperei". Und ebenso forsch verweist er die Luxemburger Sänger darauf hin, "daß die Kirche der Platz ist, wo ihr zur Ehre Gottes, zur Erbauung der Gläubigen und zur eigenen geistigen Förderung im Geiste der Kirche singen sollt".

Grundlegend können wir festhalten: In den achtziger Jahren stehen die meisten Cäcilienchöre auf dem Land in einer Aufbauphase; ihr Tätigkeitsbereich liegt ausschließlich im Kirchlichen; Abweichungen von dieser Linie sind nicht selten und führen - wie in Mamer - zur Bildung von weltlichen Vereinen, die an der Substanz der kirchlichen zehren, da das Stimmenreservoir begrenzt ist ("größtenteils Männerchöre [ ... ], da man leider bei uns noch immer mehr auf diese als auf gemischte Chöre hält"). (Luxemburger Wort, 20./21. Juni 1885).

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