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Eine römische Vorstadtvilla
auf dem "Gaschtbierg" bei Mamer

von Jean KRIER, in Hémecht, 1980/4. SS. 465-479


Als im März 1973 bei den Ausbauarbeiten an der Europastraße E9 im Bereich des Tossenbergs in Mamer ein großer Teil der dort gelegenen gallo-rörnischen Straßenstation zerstört wurde und der Grabungsdienst des Staatsmuseums in einer unter schwierigsten Bedingungen durchgeführten Notgrabung rettete, was zu retten war, ging eine Welle der Empörung durch das ganze Land, und in dem Ende 1973 vorgelegten Grabungsbericht wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben; daß sich eine ähnliche Notlage wie am Tossenberg nicht wiederholen würde (1  J. Metzler, Ein gallo-römischer Vicus beim Tossenberg (Mamer), Hémecht 25, 1973,485-501). Daß es dann dank der Zuvorkommenheit der zuständigen Stellen möglich war, ebenfalls in Mamer die große Bäderanlage des römischen Vicus in den Jahren 1974/75 systematisch zu untersuchen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen (2 J. Metzler/J. Zimmer, Öffentliche Bäderanlage und spätantike Baureste im gallo-rörnischen Vicus von Mamer, Hémecht 27, 1975, 429-475), kann als positives Ergebnis des "Tossenbergskandals" gewertet werden.

Vor diesem Hintergrund muß auch die Tatsache gesehen werden, daß die für den Bau der Autobahn Luxemburg-Arlon zuständige Dienststelle der Straßenbauverwaltung im Frühjahr 1980 an die Verantwortlichen des Staatsmuseums herantrat und ihnen die Möglichkeit eröffnete, eventuell gefährdete archäologische FundsteIlen vor Beginn der eigentlichen Baurnaßnahmen zu untersuchen (3 Unser besonderer Dank gilt den Herren Lorenzini und Molitor vom „Service de la Grande Voirie“ der Straßenbauverwaltung).

Die daraufhin von G. Hess im Bereich der geplanten Autobahntrasse durchgeführte Prospektion ergab, daß, soweit abzusehen, nur zwei römische Trümmerstätten unmittelbar betroffen waren: eine bisher unbekannte Anlage nördlich von Strassen sowie das bereits 1973 entdeckte und kartierte Bauwerk auf dem Mamer „Gaschtbierg“ (4 Hémecht 25, 1973, 494 Tafel 2 „P“).


Abb. 1 Freigelegtes Mauerwerk der römischen Villa bei Strassen

Während in Strassen (Abb. 1) nur ein einzelner Mauerzug freigelegt und aufgezeichnet werden mußte  (5 Der Rest der Anlage ist durch die Baumaßnahmen nicht betroffen), stand in Mamer eine regelrechte Notgrabung an, die in der Zeit vom 13. Mai bis 6. Juni 1980 erfolgte. (6 Für die Grabung stellte uns die Straßenbauverwaltung dankenswerterweise zwei Arbeiter und einen Löffelbagger der Baufirma Talenti zur Verfügung, die unter der ständigen Aufsicht von G. Hess gute Arbeit leisteten. Zeitweise halfen auch verschiedene uneigennützige Freiwillige mit. Ihnen allen und speziell J. Thiel aus Mamer, der für uns zahlreiche qualitätvolle Fotos und Dias anfertigte, gebührt unser aufrichtiger Dank).



Karte: Carte régionale 1:20000
 © Origine Administration du Cadastre et de la Topographie Luxembourg (ACT)
Interaktive Kartenwerke Luxemburg 3D


 

DER BAUBEFUND

Das Bauwerk, dessen Umrisse sich an der Oberfläche durch Ziegelfragmente und sonstigen Bauschutt abzeichneten, liegt inmitten fruchtbaren Ackerlandes auf einem sanften, nach SO hin leicht abfallenden Hügelrücken (Höhe 321 m), genau an der Stelle, wo der von Mamer auf den 'Gaschtbierg' führende Feldweg nach Osten hin abbiegt (7 Bei Drucklegung dieses Berichtes waren die Autobahnarbeiten noch nicht bis auf den „Gaschtbierg“ vorgedrungen). Bedingt durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Geländes war das Mauerwerk des Gebäudes generell sehr schlecht erhalten. So blieb z.B. von dem Mauerzug, der die Frontseite des Bauwerks (Südwand) bildete, nur mehr die Fundamentstickung übrig. Von der westlichen Außenwand war größtenteils nur noch der Ausbruchsgraben vorhanden.


Abb. 2 u. 3 : Keller der Villa auf dem Mamer 'Gaschtbierg'

In einem etwas besseren Zustand präsentierte sich nur jener Teil der Anlage, der von dem schon erwähnten Feldweg überdeckt wurde. Die Ausmaße des Gebäudes betragen 24,5 x 15,8 m, was einer bebauten Fläche von rund 390 qm gleichkommt.

Der Plan des Bauwerks (vgl. Plan 1), der alles in allem recht einfach ist, hat große Ähnlichkeit mit dem Schema des in unseren Gegenden gängigen Typus der Portikusvilla (8 Vgl. z.B. J. Metzler/G. Thill/R. Weiller, Ein umwallter gallo-römischer Gutshof in "Miecher" bei Goeblingen, Hémecht 25, 1973, 375-399). Es fehlen allerdings die charakteristischen vorspringenden Eckrisaliten. Wenn bei der Grabung auch kein einziges Säulenbruchstück gefunden wurde, so müssen wir uns die gesamte, nach SSO ausgerichtete Front des Gebäudes doch wohl als Portikus vorstellen. Die langrechteckige Eingangshalle wies demnach eine Länge von 24,5 m und eine Breite von 4,5 m auf und war an ihrem östlichen Ende unterkellert.



PLAN1

Angesichts des kläglichen Zustandes des übrigen Mauerwerks der Anlage überrascht der fast quadratische Keller (rund 3,7 x 4 m), genauso wie das zugehörige Treppenhaus, nicht nur durch seine gute Erhaltung, sondern vor allem durch seine regelmäßige Bauweise (vgl. Plan 2; Abb. 2 +3) (9 Ein durchaus vergleichbarer Keller wurde 1932 in der Villa von Dickweiler freigelegt: siehe J. Knepper, Eine römische Villa bei Dickweiler, Ons Hémecht 38,1932,102-105; P. Medinger, PSH 65, 1933, 395-402). Die Kellergrube ist in den anstehenden Sandsteinfelsen eingerieft und mit relativ großen, von einer 15 cm dicken Schicht aus gelbem Sand abgedeckten Sandsteinblöcken ausgelegt (10 Wahrscheinlich war der anstehende Felsen unter der Steinpackung noch mit Lehm abgedeckt, denn nach den Regenfällen im Juni stand der Keller wochenlang voll Wasser).



Plan 2 : Keller der Villa auf dem Mamer 'Gaschtbierg'


Die Kellerwände sind in Verblendtechnik aus nahezu gleichgroßen Sandstein­Handquadernt (11 Es sei jedoch hervorgehoben, daß auch vereinzelte Kalksteine verbaut worden waren) errichtet. Mit erstaunlicher Präzision sind drei überwölbte Abstellnischen und zwei schräg nach oben führende Lichtschächte in das übrige Mauerwerk eingepaßt. Die Wände (mitsamt Nischen und Lichtschächten) waren mit einem feinen weißen Kalkmörtel überzogen, die Fugen zwischen den einzelnen Steinen mit einem runden Fugeisen nachgezogen und rot ausgemalt.

Der Zugang aus dem Treppenhaus in den Keller war ursprünglich in der Art der Abstellnischen überwölbt. Dieser Türbogen wurde jedoch schon während der Benutzungszeit des Gebäudes herausgerissen, wahrscheinlich um auf diese Art und Weise den Kellereingang zu vergrößern. Die bei dieser Gelegenheit im Mauerwerk entstandenen Lücken waren nur grob wieder ausgeflickt worden (vgl.
Plan 2 und Abb. 4).


Abb. 4 Ausflickung des Mauerwerks im Kellereingang

Das Treppenhaus selbst war in der gleichen Bauweise wie der Keller errichtet, mit der Einschränkung allerdings, daß der Kalkmörtel der Fugen hier keinerlei Bemalung trug. Die Ostwand wies ebenfalls eine überwölbte Abstellnische auf, deren Boden mit größeren Dachziegelstücken ausgelegt war. Von der hölzernen Kellertreppe konnte leider nichts mehr gefunden werden, ihr Gefälle ließ sich jedoch an dem mit einer Lehmschicht überdeckten Sandsteinfelsen ablesen.                         


Abb. 5 Blick in den südlichen Teil des Raumes III

Das Treppenhaus mündete in eine Art Vorraum, der nach dem an der nördlichen Außen­wand erhaltenen Wegrest zu urteilen, auch einen Zugang von der Rückseite des Hauses aus hatte. Leider war in diesem Raum von dem ursprünglichen Fußboden nichts mehr erhalten. Die Estrichbrocken, die dort und besonders hinter dem Gebäude gefunden wurden, zeigen aber an, daß der Raum wohl einmal mit einem massiven Kalkestrich ausgelegt war. In der NW-Ecke wurde unter einem verstürzten Mauerblock eine flache Grube von 2,2 x 0,75 m entdeckt, die eine graue, aschehaltige Verfüllung enthielt.

In dem neben dem Treppenhaus liegenden Teil des Raumes wurden zu einem nicht mehr bestimmbaren Zeitpunkt verschiedene Einbaumaßnahmen vorgenommen: An der Südseite war eine zweite Mauer an die Kellerwand angesetzt worden. Davor errichtete man aus flachen Steinen bzw. Ziegelbruchstücken eine aus zwei Rechtecken bestehende Konstruktion, die nach vorne, zu einer Feuerstelle hin, offen war (vgl.
Plan 1 und Abb. 5). Die Funktion dieser Anlage ist unklar (12 Vgl. Unten).

Kernstück des ganzen Gebäudes ist der zentrale Hauptraum von 12,5 x 9,5 rn, der als Fußboden eine Lauffläche aus Steinkleinschlag hatte, der mit einer Schicht aus gestampfter Erde überdeckt war.

Die nahe an der Westwand gelegene Feuerstelle von 1,1 x 0,75 m war ihrerseits mit hochkantstehenden flachen Steinen umstellt. Davor hatte man eine Fläche von 1,5 x 0,5 m mit Flachziegeln ausgelegt.

Sowohl in der SO- als auch in der NO-Ecke des Raumes war der Fußboden durch zwei größere Brandschichten unterbrochen, von denen besonders diejenige in der NO-Ecke Beachtung verdient. Sie hatte eine Länge von 5 m und eine Breite von 2,2 m und enthielt neben Asche, Holzkohle, Ziegelbruchstücken, einzelnen Tonscher­ben und Nägeln überraschender Weise nicht weniger als elf zwischen 14,5 und 16,5 cm lange, vierkantige Eisenstifte (Abb. 6). Möglicherweise handelt es sich bei diesem Fundkomplex um die Überreste einer in ein Obergeschoß des Hauses führenden Holztreppe.


Abb. 6 Eisenstifte aus der Brandschicht im Hauptraum

Der letzte, an der westlichen Seitenfront des Gebäudes gelegene Raum wies ursprünglich die Ausmaße von 9,5 x 4,8 m auf, wurde aber später durch eine Zwischenwand in zwei kleinere Räume von 3,4 x 4,8 m bzw. 5,5 x 4,8 m aufgeteilt. Während das südliche dieser beiden Zimmer komplett gestört war, blieb in dem nördlichen unter dem Feldweg ein Teil der Lauffläche erhalten. Sie bestand aus größeren, unregelmäßigen Steinen, die wohl mit gestampfter Erde abgedeckt waren.

An der Rückwand des Gebäudes wurde schließlich unter einer Schuttschicht, die hauptsäch­lich aus Bruchstücken von Dachziegeln (tegulae imbrices) , eine Auffüllung von 4,5 m Länge und 1,5 m Breite entdeckt. Dieser rund 30 cm dicke Fundkomplex, der sich teilweise aus einer Brandschicht zusammensetzte, enthielt eine große Menge an Fundmaterial. Es handelt sich hier wohl um die Abfallgrube des Hauses.

Erwähnung verdient abschließend noch, daß in rund 4 Entfernung von der nördlichen Außenwand ein etwa 3,5 m breiter, gepflasterter Weg an der rückwärtigen Front des Gebäudes vorbeiführte. Der bereits erwähnte 1,1 m breite Gehsteig verband den Hintereingang des Baus mit diesem Weg.

Wegen der massiven Störungen im Bereich der gesamten Anlage waren stratigraphische Beobachtungen nur im Keller möglich. Die Kellerauffüllung sah folgendermaßen aus: über der schon erwähnten, 15 cm dicken Schicht aus gelbem Sand lag eine 30 cm dicke schwarze Brandschicht, die neben vielen verkohlten Holzresten überraschender Weise auch eine große Menge von Eisenschlacken enthielt, die stellenweise zu einer richtigen Kruste zusammenge­backen waren. Etwas dicker war diese Brandschicht an der nördlichen Kellerwand, so daß man einen Zusammenhang zwischen den Eisenschlacken und der seltsamen, im Vorraum neben dem Treppenhaus gelegenen Konstruktion annehmen möchte
(13 Möglicherweise haben wir es dort mit den Resten eines Schmiedeofens zu tun; vgl. unter Schlußfolgerungen).

Auf die Brandschicht folgte dann eine heterogene Auffüllung von 55 cm Dicke, die Asche, Kalk, Lehm, Erde, Ziegelbruchstücke und Steine enthielt. Darüber lag eine letzte Schicht aus Erde, Stei­nen und Ziegelbruchstücken. In der Kellerauffüllung wurden nur wenige Keramikfragmente geborgen, die dem übrigen Fundmaterial entsprechen. Den besten Überblick über die Dauer der Benutzung des Gebäudes und über den Lebensstandard seiner Bewohner geben die Funde aus der großen Abfallgrube hinter dem Haus.

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