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Als im März 1973 bei den Ausbauarbeiten an der Europastraße
E9 im Bereich des
Tossenbergs in Mamer ein großer Teil der dort gelegenen gallo-rörnischen
Straßenstation zerstört wurde und der Grabungsdienst des Staatsmuseums in einer
unter schwierigsten Bedingungen durchgeführten Notgrabung rettete, was zu retten
war, ging eine Welle der Empörung durch das ganze Land, und in dem Ende 1973
vorgelegten Grabungsbericht wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben; daß sich eine
ähnliche Notlage wie am Tossenberg nicht wiederholen würde
(1
J. Metzler,
Ein gallo-römischer Vicus beim
Tossenberg (Mamer), Hémecht 25, 1973,485-501).
Daß es dann dank der Zuvorkommenheit der zuständigen Stellen möglich war,
ebenfalls in Mamer die große Bäderanlage des römischen Vicus in den Jahren
1974/75 systematisch zu untersuchen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen
(2
J. Metzler/J. Zimmer, Öffentliche Bäderanlage und spätantike Baureste im
gallo-rörnischen Vicus von Mamer, Hémecht 27, 1975, 429-475),
kann als positives Ergebnis des "Tossenbergskandals" gewertet werden.
Vor diesem Hintergrund muß auch die Tatsache gesehen werden,
daß die für den Bau der Autobahn Luxemburg-Arlon zuständige Dienststelle der
Straßenbauverwaltung im Frühjahr 1980 an die Verantwortlichen des Staatsmuseums
herantrat und ihnen die Möglichkeit eröffnete, eventuell gefährdete
archäologische FundsteIlen vor Beginn der eigentlichen Baurnaßnahmen zu
untersuchen
(3
Unser besonderer Dank gilt den Herren Lorenzini und Molitor vom „Service de la
Grande Voirie“ der Straßenbauverwaltung).
Die daraufhin von G. Hess im
Bereich der geplanten Autobahntrasse durchgeführte Prospektion ergab, daß,
soweit abzusehen, nur zwei römische Trümmerstätten unmittelbar betroffen waren:
eine bisher unbekannte Anlage nördlich von Strassen sowie das bereits 1973
entdeckte und kartierte Bauwerk auf dem Mamer „Gaschtbierg“
(4
Hémecht 25, 1973, 494 Tafel 2 „P“).

Abb. 1 Freigelegtes Mauerwerk der römischen Villa bei Strassen
Während in Strassen
(Abb. 1)
nur ein einzelner Mauerzug freigelegt und
aufgezeichnet werden mußte
(5
Der Rest der Anlage ist durch die Baumaßnahmen
nicht betroffen),
stand in Mamer eine regelrechte Notgrabung an, die in der Zeit vom 13. Mai bis
6. Juni 1980 erfolgte.
(6
Für die Grabung stellte uns die Straßenbauverwaltung dankenswerterweise zwei
Arbeiter und einen Löffelbagger der Baufirma Talenti zur Verfügung, die unter
der ständigen Aufsicht von G. Hess gute Arbeit leisteten. Zeitweise halfen auch
verschiedene uneigennützige Freiwillige mit. Ihnen allen und speziell J. Thiel
aus Mamer, der für uns zahlreiche qualitätvolle Fotos und Dias anfertigte,
gebührt unser aufrichtiger Dank).
 
Karte: Carte régionale 1:20000
© Origine Administration du Cadastre et de la Topographie Luxembourg
(ACT)
Interaktive Kartenwerke Luxemburg 3D

DER BAUBEFUND
Das Bauwerk, dessen Umrisse sich an der Oberfläche durch Ziegelfragmente und
sonstigen Bauschutt abzeichneten, liegt inmitten fruchtbaren Ackerlandes auf
einem sanften, nach SO hin leicht abfallenden Hügelrücken (Höhe 321 m), genau an
der Stelle, wo der von Mamer auf den 'Gaschtbierg' führende Feldweg nach Osten
hin abbiegt (7
Bei Drucklegung dieses Berichtes waren die Autobahnarbeiten noch nicht bis
auf den „Gaschtbierg“ vorgedrungen).
Bedingt durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Geländes war das
Mauerwerk des Gebäudes generell sehr schlecht erhalten. So blieb z.B. von dem
Mauerzug, der die Frontseite des Bauwerks (Südwand) bildete, nur mehr die
Fundamentstickung übrig. Von der westlichen Außenwand war größtenteils nur noch
der Ausbruchsgraben vorhanden.


Abb. 2 u. 3 : Keller der Villa auf dem Mamer
'Gaschtbierg'
In einem
etwas besseren Zustand präsentierte sich nur jener Teil der Anlage, der von dem
schon erwähnten Feldweg überdeckt wurde. Die Ausmaße des Gebäudes betragen 24,5
x 15,8 m, was einer bebauten Fläche von rund 390 qm gleichkommt.
Der Plan
des Bauwerks (vgl. Plan 1), der alles in allem recht einfach ist, hat große
Ähnlichkeit mit dem Schema des in unseren Gegenden gängigen Typus der
Portikusvilla
(8
Vgl. z.B. J. Metzler/G. Thill/R. Weiller, Ein umwallter gallo-römischer Gutshof
in "Miecher" bei Goeblingen, Hémecht 25, 1973, 375-399).
Es fehlen allerdings die charakteristischen vorspringenden Eckrisaliten. Wenn
bei der Grabung auch kein einziges Säulenbruchstück gefunden wurde, so müssen
wir uns die gesamte, nach SSO ausgerichtete Front des Gebäudes doch wohl als
Portikus vorstellen. Die langrechteckige Eingangshalle wies demnach eine Länge
von 24,5 m und eine Breite von 4,5 m auf und war an ihrem östlichen Ende
unterkellert.


PLAN1
Angesichts des kläglichen Zustandes des übrigen Mauerwerks der Anlage überrascht
der fast quadratische Keller (rund 3,7 x 4 m), genauso wie das zugehörige
Treppenhaus, nicht nur durch seine gute Erhaltung, sondern vor allem durch seine
regelmäßige Bauweise (vgl.
Plan 2;
Abb. 2 +3)
(9 Ein durchaus vergleichbarer Keller wurde 1932 in der Villa von
Dickweiler freigelegt: siehe J. Knepper, Eine römische Villa bei Dickweiler,
Ons Hémecht 38,1932,102-105; P. Medinger, PSH 65, 1933, 395-402).
Die Kellergrube ist in den anstehenden Sandsteinfelsen eingerieft und mit
relativ großen, von einer 15 cm dicken Schicht aus gelbem Sand abgedeckten
Sandsteinblöcken ausgelegt
(10 Wahrscheinlich war der anstehende Felsen unter der Steinpackung noch
mit Lehm abgedeckt, denn nach den Regenfällen im Juni stand der Keller
wochenlang voll Wasser).


Plan 2 : Keller der Villa auf dem Mamer
'Gaschtbierg'
Die Kellerwände sind in
Verblendtechnik aus nahezu gleichgroßen SandsteinHandquadernt
(11 Es sei jedoch
hervorgehoben, daß auch vereinzelte Kalksteine verbaut worden waren)
errichtet. Mit erstaunlicher Präzision sind drei überwölbte Abstellnischen und
zwei schräg nach oben führende Lichtschächte in das übrige Mauerwerk eingepaßt.
Die Wände (mitsamt Nischen und Lichtschächten) waren mit einem feinen weißen
Kalkmörtel überzogen, die Fugen zwischen den einzelnen Steinen mit einem runden
Fugeisen nachgezogen und rot ausgemalt.
Der Zugang aus dem Treppenhaus in den Keller war ursprünglich in der Art der
Abstellnischen überwölbt. Dieser Türbogen wurde jedoch schon während der
Benutzungszeit des Gebäudes herausgerissen, wahrscheinlich um auf diese Art und
Weise den Kellereingang zu vergrößern. Die bei dieser Gelegenheit im Mauerwerk
entstandenen Lücken waren nur grob wieder ausgeflickt worden (vgl.
Plan 2 und Abb. 4).

Abb. 4 Ausflickung
des Mauerwerks im Kellereingang
Das Treppenhaus selbst war in der gleichen Bauweise wie der Keller errichtet,
mit der Einschränkung allerdings, daß der Kalkmörtel der Fugen hier keinerlei
Bemalung trug. Die Ostwand wies ebenfalls eine überwölbte Abstellnische auf,
deren Boden mit größeren Dachziegelstücken ausgelegt war. Von der hölzernen
Kellertreppe konnte leider nichts mehr gefunden werden, ihr Gefälle ließ sich
jedoch an dem mit einer Lehmschicht überdeckten Sandsteinfelsen ablesen.

Abb. 5 Blick in den
südlichen Teil des Raumes III
Das Treppenhaus mündete in eine Art Vorraum, der nach dem an der nördlichen
Außenwand erhaltenen Wegrest zu urteilen, auch einen Zugang von der Rückseite
des Hauses aus hatte. Leider war in diesem Raum von dem ursprünglichen Fußboden
nichts mehr erhalten. Die Estrichbrocken, die dort und besonders hinter dem
Gebäude gefunden wurden, zeigen aber an, daß der Raum wohl einmal mit einem
massiven Kalkestrich ausgelegt war. In der NW-Ecke wurde unter einem verstürzten
Mauerblock eine flache Grube von 2,2 x 0,75 m entdeckt, die eine graue,
aschehaltige Verfüllung enthielt.
In dem neben dem Treppenhaus liegenden Teil des Raumes wurden zu einem nicht
mehr bestimmbaren Zeitpunkt verschiedene Einbaumaßnahmen vorgenommen: An der
Südseite war eine zweite Mauer an die Kellerwand angesetzt worden. Davor
errichtete man aus flachen Steinen bzw. Ziegelbruchstücken eine aus zwei
Rechtecken bestehende Konstruktion, die nach vorne, zu einer Feuerstelle hin,
offen war (vgl.
Plan 1
und Abb. 5). Die Funktion dieser Anlage ist unklar
(12 Vgl. Unten).
Kernstück des ganzen Gebäudes ist der zentrale Hauptraum von 12,5 x 9,5 rn, der
als Fußboden eine Lauffläche aus Steinkleinschlag hatte, der mit einer Schicht
aus gestampfter Erde überdeckt war.
Die nahe an der Westwand gelegene Feuerstelle von 1,1 x 0,75 m war ihrerseits
mit hochkantstehenden flachen Steinen umstellt. Davor hatte man eine Fläche von
1,5 x 0,5 m mit Flachziegeln ausgelegt.
Sowohl in der SO- als auch in der
NO-Ecke des Raumes war der Fußboden durch zwei größere Brandschichten
unterbrochen, von denen besonders diejenige in der NO-Ecke Beachtung verdient.
Sie hatte eine Länge von 5 m und eine Breite von 2,2 m und enthielt neben Asche,
Holzkohle, Ziegelbruchstücken, einzelnen Tonscherben und Nägeln überraschender
Weise nicht weniger als elf zwischen 14,5 und 16,5 cm lange, vierkantige
Eisenstifte (Abb. 6). Möglicherweise handelt es sich bei diesem Fundkomplex um
die Überreste einer in ein Obergeschoß des Hauses führenden Holztreppe.

Abb. 6 Eisenstifte
aus der Brandschicht im Hauptraum
Der letzte, an der westlichen Seitenfront des Gebäudes gelegene Raum wies
ursprünglich die Ausmaße von 9,5 x 4,8 m auf, wurde aber später durch eine
Zwischenwand in zwei kleinere Räume von 3,4 x 4,8 m bzw. 5,5 x 4,8 m aufgeteilt.
Während das südliche dieser beiden Zimmer komplett gestört war, blieb in dem
nördlichen unter dem Feldweg ein Teil der Lauffläche erhalten. Sie bestand aus
größeren, unregelmäßigen Steinen, die wohl mit gestampfter Erde abgedeckt waren.
An der Rückwand des Gebäudes wurde schließlich unter einer Schuttschicht, die
hauptsächlich aus Bruchstücken von Dachziegeln (tegulae imbrices) , eine
Auffüllung von 4,5 m Länge und 1,5 m Breite entdeckt. Dieser rund 30 cm dicke
Fundkomplex, der sich teilweise aus einer Brandschicht zusammensetzte, enthielt
eine große Menge an Fundmaterial. Es handelt sich hier wohl um die Abfallgrube
des Hauses.
Erwähnung verdient abschließend noch, daß in rund 4 Entfernung von der
nördlichen Außenwand ein etwa 3,5 m breiter, gepflasterter Weg an der
rückwärtigen Front des Gebäudes vorbeiführte. Der bereits erwähnte 1,1 m breite
Gehsteig verband den Hintereingang des Baus mit diesem Weg.
Wegen der massiven Störungen im Bereich der gesamten Anlage waren
stratigraphische Beobachtungen nur im Keller möglich. Die Kellerauffüllung sah
folgendermaßen aus: über der schon erwähnten, 15 cm dicken Schicht aus gelbem
Sand lag eine 30 cm dicke schwarze Brandschicht, die neben vielen verkohlten
Holzresten überraschender Weise auch eine große Menge von Eisenschlacken
enthielt, die stellenweise zu einer richtigen Kruste zusammengebacken waren.
Etwas dicker war diese Brandschicht an der nördlichen Kellerwand, so daß man
einen Zusammenhang zwischen den Eisenschlacken und der seltsamen, im Vorraum
neben dem Treppenhaus gelegenen Konstruktion annehmen möchte
(13 Möglicherweise haben wir
es dort mit den Resten eines Schmiedeofens zu tun; vgl. unter Schlußfolgerungen).
Auf die Brandschicht folgte dann eine heterogene Auffüllung von 55 cm Dicke, die
Asche, Kalk, Lehm, Erde, Ziegelbruchstücke und Steine enthielt. Darüber lag eine
letzte Schicht aus Erde, Steinen und Ziegelbruchstücken. In der
Kellerauffüllung wurden nur wenige Keramikfragmente geborgen, die dem übrigen
Fundmaterial entsprechen. Den besten Überblick über die Dauer der Benutzung des
Gebäudes und über den Lebensstandard seiner Bewohner geben die Funde aus der
großen Abfallgrube hinter dem Haus.
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