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Eine römische Vorstadtvilla
auf dem "Gaschtbierg" bei Mamer

von Jean KRIER, in Hémecht, 1980/4. SS. 465-479


 

Das FUNDMATERIAL (Inv. Nr. 1980-64)

Keramik

a - Die vorrömische Keramik

Bei der Grabung wurden etwa zehn Tonscherben gefunden, die mit Sicherheit der vorrömischen Zeit angehören. Es handelt sich dabei vor allem um Bruchstücke von groben, handgeformten Gefäßen. Erwähnung verdienen folgende Stücke:

  • Randstück eines dickwandigen Gefäßes unbekannter Form, grober schwarzer Ton, Aussenseite rotbraun, Rand mit Fingereindrücken verziert.
     

  • Randstück einer scheibengedrehten Latene-Flasche, feiner schwarzer Ton, Oberfläche poliert.

Es sei in diesem Zusammenhang auch noch auf zwei Silex-Abschläge hingewiesen, die im Bereich der römischen Anlage zu Tage kamen. Sie zeugen zusammen mit den Keramikfragmenten von der vorrömischen Besiedlung des 'Gaschtbierg'.



b - Die frührömische Keramik

Im Fundmaterial ist die frührömische Keramik relativ gut vertreten. An erster Stelle muß hier die südgallische Terra Sigillata hervorgehoben werden:

  • Randstück eines Tellers mit schräggestellter, leicht gerundeter Wand und halbrunder Lippe (Form Drag. 18), aus der Schuttschicht hinter dem Gebäude.


  •  

  • Randstück eines Schälchens mit gerundeter Lippe und umlaufender Leiste (Form Drag. 24) Wand oberhalb der Leiste geriefelt, aus der Schuttschicht in Raum VI.
     

  • Randstück einer konischen Tasse mit profiliertem Rand (Form Hofheim 5), aus dem Oberflächenschutt.
     

  • Randstück einer Tasse mit eingeschnürter Wand (Form Drag. 27), aus der Auffüllung der Grube in Raum III.
     

  • mindestens sieben, z.T. aneinanderpassende Bruchstücke eines Reliefbechers (Form Drag. 30), aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude; Arkaden und pflanzliche Ornamen­te, Eierstab mit in Sternrosetten endenden Quasten (wie Hofheim TaL XXVI, 5).
     

  • Wandbruchstück einer reliefverzierten Schüssel (Form Drag. 37), aus der Schuttschicht hinter dem Gebäude; Metopenverzierung, Begrenzung der Bildfelder durch Wellstäbe mit Rosetten, Peleus (?) nach links (wie Oswald-Pryce XVI,2; ähnlich Oswald 883), tanzender Pan nach rechts (wie Oswald 722), tanzender Satyr nach links (wie Oswald 646), Blätt­chen und Grasbüschel als Füllsel, Abschlußfries aus V-förmigen Blättchen (Abb. 7,1).
     

  • Große Zahl von Bruchstücken von Tassen und Tellern mit ausladendem Rand und Barbotineverzierung (Drag. 35 + 36).

Neben der südgallischen TS ist auch die Belgische Ware gut belegt:

 

  • Randstück eines glockenförmigen, rotüberzogenen Bechers mit nach innen verdicktem Rand (Form Oberaden 94/95; Gose 315/316), aus der Schuttschicht hinter dem Gebäude.
     

  • Wandbruchstück eines schlauchförmigen Topfes mit Schrägrand, Wand mit eingeritzten Schrägstrichen verziert (Form Haltern 85), rotorangefarbener Ton, Außenseite braun geschmaucht, aus der Schuttschicht hinter dem Gebäude.
     

  • Die große Zahl der übrigen Bruchstücke stammt von grautonigen Gefäßen, u.a. von bauchigen Töpfen mit Schrägrand und z.T. Rädchenverzierung (Form Hofheim 125/126), bauchigen Flaschen mit abgesetztem Hals und umgelegtem Rand, Rädchenverzierung auf der Schulter (Form Hofheim 120), Tellern mit glatter, gewölbter Wand, teils mit, teils ohne Standring (Form Gose 287-290). Ein Teller der Form Gose 286 ist ebenfalls vertreten.

Als letztes sind im Zusammenhang der frührömischen Keramik noch das Fragment eines dünnwandigen Bechers (Form Hofheim 25 A), mattgelber Scherben, Oberfläche braun ge­firnißt und mit Gries bedeckt, sowie mehrere Bruchstücke von korkwandigen Kochtöpfen (Form Haltern 91), schwarzbrauner Ton mit Muschelmagerung, Besenstrichmuster, zu er­wähnen.

c - Die Keramik des 2. und 3. Jh.

Den Hauptteil der bei der Grabung gefundenen Keramik macht das Material des 2. und 3. Jh. n. Chr. aus. Die Terra Sigillata ist durch mehrere Bruchstücke von halbkugeligen Tassen mit glattem Rand (Form Drag. 40), durch verschiedene z.T. aneinanderpassende Fragmente von Reibschüsseln mit Löwenkopfausguß (Form Drag. 45) sowie einzelnen Bruchstücken von reliefverzierten Schüsseln (Form Drag. 37) vertreten, z.B.:

 

  • Bruchstück einer reliefverzierten Schüssel mit Eierstab (Form Drag. 37; mittelgallisch ?), Darstellung bruchstückhaft, aus der Schuttschicht im Keller (Abb. 7,2)
     

  • Wandbruchstück einer reliefverzierten Schüssel mit Eierstab (Form Drag. 37; ostgallisch), Gladiatorenszene (Gladiator nach rechts wie Oswald 1031 A), gefunden an der östlichen Außenwand (Abb. 7,3)
     

  • Bruchstück einer reliefverzierten Schüssel mit Eierstab (Form Drag. 37; ostgallisch), sichernder Hirsch, Rosetten als Füllsel, aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 7,4)

 


Abb. 7 Reliefverzierte Terra Sigillata

Die übrige Keramik kann an dieser Stelle nur überblickartig vorgestellt werden:

 

  • Firnißware: zahlreiche Bruchstücke von Bechern mit Karniesrand und Griesbewurf (Formen Gose 188-190); einzelne Scherben von Faltenbechern mit Rundstablippe (Form Niederbieber 33), z.T. mit Kerbband
     

  • Goldglimmerware: halbkugelige Schüssel mit Horizontalrand (Form Gose 240); fußloser Teller mit schräg ansteigender Wand und Horizontalrand (Form Gose 242 bzw. 483).
     

  • Glattwandig-tongrundiges Geschirr: Ein- bzw. Doppelhenkelkrüge (u.a. Formen Gose 368-371,408/9); Honigtöpfe (Form Niederbieber 79); Reibschüsseln mit Horizontalrand (Form Niederbieber 86).
     

  • Rauhwandig-tongrundiges Geschirr: zahlreiche Fragmente von Schüsseln mit Wulstrand (Form Niederbieber 104); Schüsseln mit einwärts umgeknicktem Rand (Formen Gose 494-496 ).
     

  • Sehr gut vertreten ist im übrigen die leicht gebrannte, schwarze bis rotbraune, mit Muschelmagerung durchsetzte Ware, die im 3. Jh. u. a. auf dem Titelberg, aber auch in Mamer selbst hergestellt wurde (Formen Trierer Zeitschr. 35, 1972,316 Abb. 12; Hémecht 27, 1975,461 Abb. 27).


Münze

Bei der Ausgrabung wurde nur eine einzige Münze gefunden, und zwar in Raum III neben der Feuerstelle. Es handelt sich dabei um eine lokale Nachahmung eines zwischen 268 und 270 n. Chr. in Rom geprägten Antoninians des Kaisers Claudius II. Gothicus.: Typ RIC 54-55 (F?) — I—I—- (CML 412)
(14 Die Bestimmung der Münze erfolgte durch Herrn R. Weiller).

 

[FMRL III, p. 250]

Fouilles du MNHA (mai 1980)

Imitation locale
Claudius II Gothicus
1 RIC 54-55 (F ?) (Antoninien, Rome, 268-270) CML 412

 


Claudius II Gothicus auf einem Antoninian aus Mediolanum (Mailand)

 

Fibeln

Insgesamt wurden vier Fibeln bzw. Fibelfragmente entdeckt, alle in der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 8):

 

  • Einfache Drahtfibel mit unterer Sehne, vierfacher Windung und geschlossenem Fuß (,Soldatenfibel' ; Ettlinger Typ 4; flavisch).
     

  • Gestreckte Scharnierfibel mit profiliertem Bügel, verzinnt (Ettlinger Typ 31; 1. Jh. n. Chr.).

Abb. 8 Die Fibeln

 

Kleinfunde

 

Eisen  

 

  • Unter den Kleinfunden aus Eisen überwiegen verständlicherweise bei weitem die Nägel unterschiedlicher Form und Größe. Schon erwähnt wurden die elf massiven Eisenstifte aus der Brandschicht in der NO-Ecke des Raumes IV (Abb. 6).
     

  • Eine Auswahl weiterer Eisenteile zeigt Abb. 10 (6-10). Zu erwähnen sind auch noch ein Schreibgriffel (L. 14 cm), ein Beschlagteil, ein Eisenring und ein Kettenglied.
     

  • Zwiebelförmige Bleikugel aus dem Oberflächenschutt, 0 3,5 cm.
     

  • Beinerne Näh- bzw. Haarnadelfragmente, aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 10, 12).
     

  • Scharnierfibel mit kreisförmigem, emailverziertem Bügel und Tierkopffuß (Ettlinger Typ 37; L Hälfte 2. Jh. n. Chr.).
     

  • Nadel einer Scharnierfibel (Typ nicht mehr zu bestimmen).



Abb.10: Auswahl der Kleinfunde aus Bronze (1-5), Eisen (6-10) und Bein (11-12), M. 1:2


Glas
 

In der Abfallgrube hinter dem Gebäude wurden mehrere Glasfragmente gefunden, z.T. von dickwandigen Flaschen aus grünlichem bzw. bläulichem Glas, z. T. von dünnwandigen Ge­fäßen aus hellolivfarbenem Glas, ohne daß sich aber Formen genau bestimmen ließen. Fensterg!as wurde keines entdeckt.

Kleinfunde aus Ton, Bronze, Eisen, Blei und Bein

  • Fünf Fragmente einer Terrakotte (Muttergottheit), weißer Ton, H. etwa 18 cm, aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 9).


Abb. 9 Terrakotte einer Muttergottheit

  • Bruchstück eines Lichthäuschens, rotorangefarbener Ton, aus dem Oberflächenschutt.
     

  • Bronzenadel, 24 cm lang, Ø 0,4 cm, aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 10,1).
     

  • Beschlag aus dünnem Bronzeblech, aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 10,2).
     

  • Bronzelöffelchen, Griff abgebrochen, aus der Trümmerschicht in Raum VI (Abb. 10,3).
     

  • Bronzebeschlag (?) mit Kerbverzierung, an der Rückseite beschädigte Eisenöse, aus der
    Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 10,4).
     

  • Platter, ovaler Bronzering, aus der Abfallgrube hinter dem Gebäude (Abb. 10,5).
     

  • Bruchstück eines Bronzearmrings mit glatter Oberfläche und rundem Querschnitt (Ø 5,7
    mm), aus der Schuttschicht in Raum IV.

Sonstiges

Abschließend sei noch angeführt, daß in der ganzen Anlage, besonders aber in der Abfallgrube hinter dem Gebäude eine relativ große Anzahl von Austernschalen gefunden wurde. Erwähnung verdienen auch eine große Menge von außergewöhnlichen Verputzresten aus einem feinen, weißen Kalkmörtel (Abb. 11), die hauptsächlich im Oberflächenschutt lagen. Sie dürften von einem eindrucksvollen Deckenputz herrühren. In der Kellerauffüllung lagen noch sechs Mühlsteinfragmente, teils aus Basaltlava, teils aus einem Konglomerat aus grobem Quarzsand.

 


Abb. 11 Verputzreste aus Kalkmörtel



SCHLUSSFOLGERUNGEN

Die römische Villa auf dem Mamer ,Gaschtbierg' liegt auf einer landschaftlich reizvollen Anhöhe über dem Mamertal, in rund 900 m Entfernung vom Zentrum des Vicus am Tossenberg, einer Straßenstation an der wichtigen römischen Fernstraße Reims - Arlon - Trier.


Etwa 200 m unterhalb der im Frühsommer 1980 ausgegrabenen Anlage befindet sich links des Feldweges zum ,Gaschtbierg' eine weitere ausgedehnte römische Trümmerstätte
(15 Hémecht 25, 1973, 494, Tafel 2  ,O'), bei der es sich wegen der Größe kaum um eine Dependenz des freigelegten Gebäudes handeln kann. Die Vermutung liegt deshalb nahe, daß es in der unmittelbaren Umgebung des Mamer Vicus eine Reihe von Vorstadtvillen gab (16 Vgl. auch ebd. die Trümmerstätten ,F', ,H', ,L'.), die von etwas wohlhabenderen Vicusbürgern bewohnt wurden. Auf ein relativ reich ausgestattetes Bauwerk weist im Falle der Villa auf dem ,Gaschtbierg' allein schon der schöne Keller hin. Verwunderlich ist eigentlich nur das Fehlen einer Heizungsanlage in einem der Räume.

 



Nach Auskunft des Fundmaterials entstand der Bau um die Mitte des 1. Jh. n. Chr., spätestens jedoch in vespasianischer Zeit
(17 Siehe auch J. Metzler, Hémecht 25, 1973, 500 f.), und wurde bis in die 2. Hälfte des 3. Jh., wahrscheinlich bis zu den Germaneneinfällen von 275/276 (18 Bei diesen Germaneneinfällen wurden auch der Vicus und die Thermenanlage zerstört; J. Metzler/J. Zimmer, Hémecht 27, 1975, 464 f.), weiterbenutzt. Seine Blütezeit liegt eindeutig in der Frühzeit, d.h. in der 2. Hälfte des 1. und im 2. Jh.

 

Besonders die südgallische Terra Sigillata läßt auf den hohen Lebensstandard der ersten Bewohner schließen. Wann die bei der Beschreibung des Baubestandes erwähnten Umbaumaßnahmen erfolgten, läßt sich nicht mehr ermitteln. Zumindest der Einbau der seltsamen Anlage in Raum III gehört in die Endphase der Bewohnung, als vielleicht schon ein Teil des ursprünglichen Gebäudes aufgegeben war. Es sieht so aus, als wäre hier in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts eine kleine Schmiede eingerichtet worden, die das auf dem "Gaschtbierg" reichlich vorhandene Rasenerz verarbeitete. Der prachtvolle Keller der Vorstadtvilla wurde in dieser Zeit als Schlackendepot benutzt, bevor die Anlage im späten 3. Jh. dann endgültig aufgegeben wur
de.

KORREKTURNACHTRAG (10.12.1980): Bei den inzwischen bis auf den "Gaschtbierg" vorgedrungenen Autobahnbauarbeiten konnten rechts des Feldwegs zwei kleinere Nebengebäude der beiden großen Villen festgestellt werden.

 


 

Aus [Smith, 1997, S. 27.]


 

 

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