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EIN GALLO-RÖMISCHER VICUS BEIM TOSSENBERG (MAMER)
DIE NOTGRABUNGEN VON 1973

von Jeannot Metzler, in Hémecht, 1973/4. SS. 485-501


ABSCHNITT I (Tafel 2)

Im Frühjahr 1973 wurden nördlich der Mamer, hart an der Römerstraße, beim Straßenbau in einer Neusiedlung römische Gräber zerstört. Letzte Reste von einigen Brandgräbern konnten im sehr festen Lehm beobachtet werden. Eine Nachgrabung war zu diesem Zeitpunkt wegen Personalmangels unmöglich, da gleichzeitig 300 m weiter südlich ganze Wohnviertel des römischen Vicus abgebaggert wurden (Taf. 2, A-C). Die im Abschnitt I aufgelesenen Münzen und Keramikreste datieren die angeschnittenen Gräber in die zweite Hälfte des ersten und in den Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. (vgl. Aufsatz Weiller).
 



Tafel 2
 

ABSCHNITT A (Tafel 2 und Faltplan)

Am 9. März 1973 begannen die Arbeiten für die Verlegung der bekannten Kurve der E 9 am "Tossenberg". Beim Abschieben des Oberflächenhumus am Osthang des Hügelrückens "Bierg" stieß man auf einer Länge von 200m und einer Breite bis zu 80m auf ausgedehnte römische Bauspuren. Da wegen der früheren, in nächster Nähe getätigten Funde der Bereich unter ständiger Beobachtung des Staatsmuseums stand, wurde die Bedeutung der neuentdeckten römischen Ueberreste sofort erkannt und eine Notgrabung eingeleitet.

Mit den ersten Spatenstichen wurde dann klar, daß man auf eine größere römische Siedlung gestoßen war und daß das sehr beschränkte Grabungspersonal des Staatsmuseums (2 Arbeiter) hier keine Berge versetzen konnte. Eine vollständige Unterbrechung der Baggerarbeiten erwies sich auf jeden Fall als unmöglich. Als die Bulldozer dann bald daran gingen, den Boden bis auf 6m Tiefe abzuschieben, blieb der Einsatz von etwa 40 Schülern und einer Reihe Amateurarchäologen die einzige Möglichkeit, um wenigstens einen Teil der Bauspuren zu untersuchen und zu vermessen [15 Für ihre Hilfe gebührt den Direktoren des Lycée Michel-Rodange und der Ecole technique, der Grabungsmannschaft des Pfarrers Kayser aus Nospelt sowie den Herren A. Estgen, R. Linden und J. Lahr und allen Schülern unser aufrichtiger Dank.].




Faltplan
Plan der Notgrabungen von 1971-1973

Durch kleine Schnitte und Gräben wurde versucht, zwischen Baggern und Lastern, den Verlauf der Mauern soweit wie nur möglich zu sichern. Oft konnten Mauerspuren nur im Bauprofil erkannt und vermessen werden. Das Auffinden einer antiken Nebenstraße, die im rechten Winkel auf die Römerstraße zulief, sowie die verhältnismäßig große Regelmäßigkeit der Bauten waren gute Anhaltspunkte, um in der Hast der Stunde die Schnitte möglichst vorteilhaft anzulegen.

Durch das ständige Ergänzen eines Gesamtplanes konnte der Überblick der Grabung in etwa gesichert werden. Stratigraphische Beobachtungen waren unter diesen Arbeitsbedingungen fast unmöglich. In der letzten Märzwoche waren die Baggerarbeiten für die Begradigung der E9 im Vicusbereich beendet und die letzten Reste von römischen Mauern ebendort zerstört. Nach drei Wochen Grabungsarbeit hatte man zwei Straßen, Reste von mindestens 11 Bauten sowie 12 Zisternen und einen Brunnen angeschnitten.

Die römischen Trümmer verteilen sich über den ganzen Osthang von "Bierg", beiderseitig der Römerstraße und wahrscheinlich bis zum Bach Mamer, der ursprünglich weiter westlich unter den Häusern an der E9 verlief. Vom höchsten Punkt der Römerstraße bis zum Bach wurde ein Höhenunterschied von über 15m gemessen.

Eine 4,5m breite Nebenstraße des Vicus stieg von der Mamer aus, über den Punkt 76700/70500 der heutigen Landeskoordination fast rechtwinklig zur römischen Fernstraße auf. Der Belag bestand aus einer 30-40 cm mächtigen Lage aus Sandsteinkleinschlag und Sand. Beiderseits dieses Weges reihten sich die Bauten der einzelnen Privatparzellen Wand an Wand. Baustein war fast ausnahmslos der Korallenkalk des Differdinger Raumes. Die Häuser waren von dem in römischen Städten und Vici weitverbreiteten Bautyp des Langhauses, das mit einer Schmalseite an eine Straße anstößt. Der einzige Beweis für eine Portikus, die der Häuserfront vorgelagert war, waren die im Versturz gefundenen 4 Säulenbruchstücke toskanischer Ordnung (Taf. 5, A). Die doppelten Mauerreihen, welche die Straßenfront der Parzellen 2, 3, 4 und 5 bildete, scheinen eher auf eine anderorts nachgewiese Mehrperiodischkeit der Bauten hinzudeuten. Außer einem großen Kalksteinblock vor Parzelle 3 (Planquadrat G/16), wurden keine Überreste von Hauseingängen gefunden, da das Mauerwerk hier bis zur Fundamentlage zerstört war.

Die Gesamtanordnung der Bauten entspricht etwa derjenigen der Häuser 4-8 von Schwarzenacker an der Blies
[16 Alfons Kolling: Schwarzenacker an der Blies, in: Bonner Jahrb. 172, 1972, S. 238 ff.]. Die Parzellenbreite in Schwarzenacker betrug durchwegs 7,40m, während diejenige von Mamer zwischen 7 und 11m variierte [17 Die Parzellenbreite der bis jetzt auf dem Titelberg ausgegrabenen Häuser betrug 9,50 bis 11m. In seinem Aufsatz: «Gallo-römische Straßensiedlungen und Kleinhausbauten» in: Bonner Jahrbuch 128, 1923, S. 77 ff. gibt Franz Oelmann verschiedene Beispiele von Parzellenbreiten an: Belgica-Billig 8-10m, Brigantium-Bregenz 8-15m; Venta Silurum-Caerwent 8-10m; Alesia-Alise Ste-Reine (Vicus) 8-10 m, etc.].

Obschon keineswegs sicher ist, ob alle Mauerzüge in Mamer erkannt wurden, scheinen die straßenseitigen Räume nur in Haus 2 und 8 eine weitere Inneneinteilung gehabt zu haben. Sehr häufig sind dies Lauben, welche zur Straßenseite offen waren und als kleine Verkaufsstände gedient haben mögen. In Schwarzenacker liegt hier der Wirtschaftsteil mit Küche, Vorratsgrube und einem offenen Hof. Die Tatsache, daß die Zisterne 8 und 13, deren Inhalt ins II. und III. Jh. datierte, in diesem Hausteil lagen, spricht mit Sicherheit dafür, daß hier ein Hof der eigentlichen Wohnung vorgelagert war.

Der Wohntrakt lag, außer in Haus 2 und 8 in einer gewissen Entfernung zur Straße. Er besteht aus mehreren kleineren Zimmern, von denen einzelne mit einer Hypokaustheizung versehen waren. Die Grabung von Mamer erlaubte nicht festzustellen, ob jedes Haus seinen heizbaren Raum hatte. Der Fußboden bestand verschiedentlich aus Kalkestrich. wie zum Beispiel in Haus 3 (Planquadrat G/18). Im Gegensatz zu den in Schwarzenacker und auf dem Titelberg mit großer Regelmäßigkeit auftretenden Kellern, war nur Haus 2 von Mamer zum Teil unterkellert (Planquadrat G/18-19). Eine Kellerwand war bis 2 m Höhe erhalten und bestand aus Handquadern aus Kalkstein. Der Keller sowie das darüberliegende Haus waren offensichtlich verbrannt; später wurden die rot angeglühten Kellerwände wieder frisch mit Kalk beworfen. Der Plan der Häuser 2 und 3 verwirrt, da hier verschiedene Bauperioden zum Vorschein kamen, die unmöglich klar unterschieden werden konnten.

Hinter dem Wohnteil der einzelnen Parzellen erstreckte sich ein langes, freies Gelände mit einer oder mehreren Zisternen, wahrscheinlich einem Hof mit einzelnen Schuppen und Abstellräumen und einem Gemüsegarten. Die Tiefe der Privat­parzellen konnte an keiner Stelle ermittelt werden. Die ausgegrabenen, runden Zisternen hatten einen Durchmesser von 1 bis 1,40m und waren zum Teil mit Handquadern gemauert, zum Teil aus dem Felsen gehauen. Ihre Tiefe wechselte zwischen 3 und 4m. In Zisterne 2 wurden Teile des steinernen Ständers der Seil­Winde gefunden. Die Abschleifung der Steinplatte gibt einen Trommeldurchmesser der Winde von 26 cm an (
Tafel 5, B).

Etwas abseits, in südlicher Richtung, fand sich ein tieferer Brunnen (10) von 1,30 m Durchmesser (Planquadrat E/23), von dessen vollständiger Ausgrabung aus Sicherheitsgründen abgesehen werden mußte.

Zwischen den Bauresten verliefen aus Steinplatten gelegte Drainagekanäle, die wahrscheinlich erst später angelegt wurden. Sicher später datiert der große Kalkofen, der in Planquadrat E/22-23 gefunden wurde.

40m nördlich der besprochenen Nebenstraße wurde ein zweiter Weg von nur 3 m Breite festgestellt. Der Grundriß der anliegenden Bauten ist hier nicht gesichert, doch die Orientierung der Mauern deutet an, daß die Parzellen auf die Hauptstraße zu ausgerichtet waren.

 

ABSCHNITTE B UND C (Tafel 5 und Faltplan)


Da keine stratigraphischen Beobachtungen im Abschnitt A möglich waren, wurden nach dem Abschluß der Notgrabung zwei kleine Schnitte B und C geöffnet, um etwas Einblick in die Chronologie der Siedlung zu bekommen. Schnitt C war in diesem Zusammenhang ergebnislos, da durch die hohe Lage die Erosion alle Schichten abgetragen hatte.

Der fast quadratische Schnitt B lag günstig an der Einmündung einer Nebenstraße in die römische Fernstraße. Die ersten 20 bis 30 cm gestörten Oberflächenschutts ergaben Funde vom 1. bis zum 4. Jahrhundert
(
Taf. 8). Die tieferen Schichten, die ausschließlich aus zum Teil humosen, lehmigen Mittelsand bestanden, lieferten, ausgenommen von einigen späteren Störungen, nur Material vom Ende der ersten Hälfte und aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts (Taf. 7 und 8). Die frühesten Keramikbruchstücke datieren in die claudische Zeit. Wegen der geringen Ausdehnung des Schnittes kann man wenig über die Funktion des angeschnittenen Baues aussagen. Ohne sich festzulegen, könnte man im nördlichen Teil einen kleinen Verkaufsstand sehen, vielleicht eine Kneipe an der Straßenecke, wie es sie noch heute in mediterranen Gegenden gibt und wo man die Möglichkeit hat, von dem an der Straße gelegenen Ausschank nach außen und ins Innere des Baues zu verkaufen.

ABSCHNITT E (Faltplan)

Im Spätherbst 1973 wurde am Nordostufer der Mamer auf der Flur "Woosen" der Oberflächenhumus für den Bau eines Abwasserkanals abgeschoben. Dabei stieß man auf römisches Mauerwerk. Die sofort eingeleitete Notgrabung. die bei der Drucklegung dieses Aufsatzes noch nicht abgeschlossen war, ergab Reste einer größeren römischen Badeanlage. Ob man es hier mit öffentlichen Thermen oder mit einer reichen Privatwohnung zu tun hat, wird erst durch die Grabung des nächsten Jahres geklärt werden können.

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