
ABSCHNITT I
(Tafel 2)
Im Frühjahr 1973 wurden
nördlich der Mamer, hart an der Römerstraße, beim Straßenbau in einer
Neusiedlung römische Gräber zerstört. Letzte Reste von einigen Brandgräbern
konnten im sehr festen Lehm beobachtet werden. Eine Nachgrabung war zu diesem
Zeitpunkt wegen Personalmangels unmöglich, da gleichzeitig 300 m weiter südlich
ganze Wohnviertel des römischen Vicus abgebaggert wurden (Taf. 2, A-C).
Die im Abschnitt I aufgelesenen Münzen und Keramikreste datieren die
angeschnittenen Gräber in die zweite Hälfte des ersten und in den Anfang des
zweiten Jahrhunderts n. Chr. (vgl. Aufsatz Weiller).


Tafel 2
ABSCHNITT A
(Tafel 2 und Faltplan)
Am 9. März 1973 begannen
die Arbeiten für die Verlegung der bekannten Kurve der E 9 am "Tossenberg".
Beim Abschieben des Oberflächenhumus am Osthang des Hügelrückens "Bierg"
stieß man auf einer Länge von 200m und einer Breite bis zu 80m auf ausgedehnte
römische Bauspuren. Da wegen der früheren, in nächster Nähe getätigten Funde der
Bereich unter ständiger Beobachtung des Staatsmuseums stand, wurde die Bedeutung
der neuentdeckten römischen Ueberreste sofort erkannt und eine Notgrabung
eingeleitet.
Mit den ersten
Spatenstichen wurde dann klar, daß man auf eine größere römische Siedlung
gestoßen war und daß das sehr beschränkte Grabungspersonal des Staatsmuseums (2
Arbeiter) hier keine Berge versetzen konnte. Eine vollständige Unterbrechung der
Baggerarbeiten erwies sich auf jeden Fall als unmöglich. Als die Bulldozer dann
bald daran gingen, den Boden bis auf 6m Tiefe abzuschieben, blieb der Einsatz
von etwa 40 Schülern und einer Reihe Amateurarchäologen die einzige Möglichkeit,
um wenigstens einen Teil der Bauspuren zu untersuchen und zu vermessen
[15 Für ihre Hilfe
gebührt den Direktoren des Lycée Michel-Rodange und der Ecole technique, der
Grabungsmannschaft des Pfarrers Kayser aus Nospelt sowie den Herren A. Estgen,
R. Linden und J. Lahr und allen Schülern unser aufrichtiger Dank.].


Faltplan
Plan der Notgrabungen von 1971-1973
Durch kleine Schnitte und Gräben wurde versucht, zwischen Baggern und Lastern,
den Verlauf der Mauern soweit wie nur möglich zu sichern. Oft konnten
Mauerspuren nur im Bauprofil erkannt und vermessen werden. Das Auffinden einer
antiken Nebenstraße, die im rechten Winkel auf die Römerstraße zulief, sowie die
verhältnismäßig große Regelmäßigkeit der Bauten waren gute Anhaltspunkte, um in
der Hast der Stunde die Schnitte möglichst vorteilhaft anzulegen.
Durch das ständige
Ergänzen eines Gesamtplanes konnte der Überblick der Grabung in etwa gesichert
werden. Stratigraphische Beobachtungen waren unter diesen Arbeitsbedingungen
fast unmöglich. In der letzten Märzwoche waren die Baggerarbeiten für die
Begradigung der E9 im Vicusbereich beendet und die letzten Reste von römischen
Mauern ebendort zerstört. Nach drei Wochen Grabungsarbeit hatte man zwei
Straßen, Reste von mindestens 11 Bauten sowie 12 Zisternen und einen Brunnen
angeschnitten.
Die römischen Trümmer verteilen sich über den ganzen Osthang von "Bierg",
beiderseitig der Römerstraße und wahrscheinlich bis zum Bach Mamer, der
ursprünglich weiter westlich unter den Häusern an der E9 verlief. Vom höchsten
Punkt der Römerstraße bis zum Bach wurde ein Höhenunterschied von über 15m
gemessen.
Eine 4,5m breite
Nebenstraße des Vicus stieg von der Mamer aus, über den Punkt 76700/70500 der
heutigen Landeskoordination fast rechtwinklig zur römischen Fernstraße auf. Der
Belag bestand aus einer 30-40 cm mächtigen Lage aus Sandsteinkleinschlag und
Sand. Beiderseits dieses Weges reihten sich die Bauten der einzelnen
Privatparzellen Wand an Wand. Baustein war fast ausnahmslos der Korallenkalk des
Differdinger Raumes. Die Häuser waren von dem in römischen Städten und Vici
weitverbreiteten Bautyp des Langhauses, das mit einer Schmalseite an eine Straße
anstößt. Der einzige Beweis für eine Portikus, die der Häuserfront vorgelagert
war, waren die im Versturz gefundenen 4 Säulenbruchstücke toskanischer Ordnung
(Taf.
5, A).
Die doppelten Mauerreihen, welche die Straßenfront der Parzellen 2, 3, 4 und 5
bildete, scheinen eher auf eine anderorts nachgewiese Mehrperiodischkeit der
Bauten hinzudeuten. Außer einem großen Kalksteinblock vor Parzelle 3
(Planquadrat G/16), wurden keine Überreste von Hauseingängen gefunden, da das
Mauerwerk hier bis zur Fundamentlage zerstört war.
Die Gesamtanordnung der Bauten entspricht etwa derjenigen der Häuser 4-8 von
Schwarzenacker an der Blies
[16 Alfons Kolling: Schwarzenacker an der Blies, in:
Bonner Jahrb. 172, 1972, S. 238 ff.]. Die Parzellenbreite in Schwarzenacker
betrug durchwegs 7,40m, während diejenige von Mamer zwischen 7 und 11m
variierte [17 Die Parzellenbreite der bis jetzt auf dem Titelberg ausgegrabenen
Häuser betrug 9,50 bis 11m. In seinem Aufsatz: «Gallo-römische Straßensiedlungen
und Kleinhausbauten» in: Bonner Jahrbuch 128, 1923, S. 77 ff. gibt Franz Oelmann
verschiedene Beispiele von Parzellenbreiten an: Belgica-Billig 8-10m,
Brigantium-Bregenz 8-15m; Venta Silurum-Caerwent 8-10m; Alesia-Alise Ste-Reine
(Vicus) 8-10 m, etc.].
Obschon keineswegs sicher ist, ob alle Mauerzüge in Mamer erkannt wurden,
scheinen die straßenseitigen Räume nur in Haus 2 und 8 eine weitere
Inneneinteilung gehabt zu haben. Sehr häufig sind dies Lauben, welche zur
Straßenseite offen waren und als kleine Verkaufsstände gedient haben mögen. In
Schwarzenacker liegt hier der Wirtschaftsteil mit Küche, Vorratsgrube und einem
offenen Hof. Die Tatsache, daß die Zisterne 8 und 13, deren Inhalt ins II. und
III. Jh. datierte, in diesem Hausteil lagen, spricht mit Sicherheit dafür, daß
hier ein Hof der eigentlichen Wohnung vorgelagert war.
Der Wohntrakt lag, außer in Haus 2 und 8 in einer gewissen Entfernung zur
Straße. Er besteht aus mehreren kleineren Zimmern, von denen einzelne mit einer
Hypokaustheizung versehen waren. Die Grabung von Mamer erlaubte nicht
festzustellen, ob jedes Haus seinen heizbaren Raum hatte. Der Fußboden bestand
verschiedentlich aus Kalkestrich. wie zum Beispiel in Haus 3 (Planquadrat G/18).
Im Gegensatz zu den in Schwarzenacker und auf dem Titelberg mit großer
Regelmäßigkeit auftretenden Kellern, war nur Haus 2 von Mamer zum Teil
unterkellert (Planquadrat G/18-19). Eine Kellerwand war bis 2 m Höhe erhalten
und bestand aus Handquadern aus Kalkstein. Der Keller sowie das darüberliegende
Haus waren offensichtlich verbrannt; später wurden die rot angeglühten
Kellerwände wieder frisch mit Kalk beworfen. Der Plan der Häuser 2 und 3
verwirrt, da hier verschiedene Bauperioden zum Vorschein kamen, die unmöglich
klar unterschieden werden konnten.
Hinter dem Wohnteil der einzelnen Parzellen erstreckte sich ein langes, freies
Gelände mit einer oder mehreren Zisternen, wahrscheinlich einem Hof mit
einzelnen Schuppen und Abstellräumen und einem Gemüsegarten. Die Tiefe der
Privatparzellen konnte an keiner Stelle ermittelt werden. Die ausgegrabenen,
runden Zisternen hatten einen Durchmesser von 1 bis 1,40m und waren zum Teil mit
Handquadern gemauert, zum Teil aus dem Felsen gehauen. Ihre Tiefe wechselte
zwischen 3 und 4m. In Zisterne 2 wurden Teile des steinernen Ständers der
SeilWinde gefunden. Die Abschleifung der Steinplatte gibt einen
Trommeldurchmesser der Winde von 26 cm an (Tafel 5, B).
Etwas abseits, in südlicher Richtung, fand sich ein tieferer Brunnen (10) von
1,30 m Durchmesser (Planquadrat E/23), von dessen vollständiger Ausgrabung aus
Sicherheitsgründen abgesehen werden mußte.
Zwischen den Bauresten
verliefen aus Steinplatten gelegte Drainagekanäle, die wahrscheinlich erst
später angelegt wurden. Sicher später datiert der große Kalkofen, der in
Planquadrat E/22-23 gefunden wurde.
40m nördlich der besprochenen Nebenstraße wurde ein zweiter Weg von nur 3 m
Breite festgestellt. Der Grundriß der anliegenden Bauten ist hier nicht
gesichert, doch die Orientierung der Mauern deutet an, daß die Parzellen auf die
Hauptstraße zu ausgerichtet waren.
ABSCHNITTE B UND C
(Tafel
5
und
Faltplan)
Da keine stratigraphischen Beobachtungen im Abschnitt A möglich waren, wurden
nach dem Abschluß der Notgrabung zwei kleine Schnitte B und C geöffnet, um etwas
Einblick in die Chronologie der Siedlung zu bekommen. Schnitt C war in diesem
Zusammenhang ergebnislos, da durch die hohe Lage die Erosion alle Schichten
abgetragen hatte.
Der fast quadratische Schnitt B lag günstig an der Einmündung einer Nebenstraße
in die römische Fernstraße. Die ersten 20 bis 30 cm gestörten Oberflächenschutts
ergaben Funde vom 1. bis zum 4. Jahrhundert (Taf.
8).
Die tieferen Schichten, die ausschließlich aus zum Teil humosen, lehmigen
Mittelsand bestanden, lieferten, ausgenommen von einigen späteren Störungen, nur
Material vom Ende der ersten Hälfte und aus der zweiten Hälfte des 1.
Jahrhunderts (Taf.
7 und
8).
Die frühesten Keramikbruchstücke datieren in die claudische Zeit. Wegen der
geringen Ausdehnung des Schnittes kann man wenig über die Funktion des
angeschnittenen Baues aussagen. Ohne sich festzulegen, könnte man im nördlichen
Teil einen kleinen Verkaufsstand sehen, vielleicht eine Kneipe an der
Straßenecke, wie es sie noch heute in mediterranen Gegenden gibt und wo man die
Möglichkeit hat, von dem an der Straße gelegenen Ausschank nach außen und ins
Innere des Baues zu verkaufen.
ABSCHNITT E (Faltplan)
Im Spätherbst 1973 wurde am Nordostufer der Mamer auf der Flur "Woosen"
der Oberflächenhumus für den Bau eines Abwasserkanals abgeschoben. Dabei stieß
man auf römisches Mauerwerk. Die sofort eingeleitete Notgrabung. die bei der
Drucklegung dieses Aufsatzes noch nicht abgeschlossen war, ergab Reste einer
größeren römischen Badeanlage. Ob man es hier mit öffentlichen Thermen oder mit
einer reichen Privatwohnung zu tun hat, wird erst durch die Grabung des nächsten
Jahres geklärt werden können.
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