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EIN GALLO-RÖMISCHER VICUS BEIM TOSSENBERG (MAMER)
SCHLUSSGFOLGERUNG

von Jeannot Metzler, in Hémecht, 1973/4. SS. 485-501


Der römische Vicus von Mamer lag im westlichen Stammesgebiet der Treverer. Seine Anlage steht in direktem Zusammenhang mit der großen Römerstraße, welche die Städte Reims und Trier verband.

Der Fund eines römischen Meilensteins aus dem Jahre 44 n. Chr. in Zweitverwendung in der spätrömischen Befestigung von Montauban-sous-Buzenol in Belgien gab einen ersten Anhaltspunkt für die Datierung dieser Straße [35 H. Fincke; XVII Bericht der R.G.K. Mainz 1927, S. 106, N. 320. - J Mertens; La Chaussé romaine de Reims a Treves, in: Archaeologia BeIgica 35, 1957, S. 3 ff.].

Dieser wurde durch das Auffinden der bei den frührömischen Gräberfelder von Fouches (Taf. 1, F) und Chantemelle (Taf. 1, C) nahe Arlon verstärkt, da der Bearbeiter H. Roosens vermutete, daß ein großer Teil der Gräber während der Bauarbeiten für die Römerstraße angelegt wurde [36 H. Roosens: Cimetière romain du Haut Empire a Fouches (Hachy-Luxembourg) in: Archaeologia BeIgica 20, 1954, S. 169 ff. - Un cimetière au milieu du Ier siècle a ChantemeIle, in: Archaeologia BeIgica 21, 1954, S. 75 ff.].

Falls diese Vermutung gerechtfertigt ist, so ist die Straße. sicherlich älter, da die meisten Gräber von Fouches und von Chantemelle eher in tiberische Zeit datieren. Hierzu wären zu rechnen die augusteischen oder tiberischen Gräber des „Schwarzenhof“ bei Steinfort auf 1000 m Entfernung von der Römerstraße (Taf. 1, S) [37 Joh. EngIing: Die Römerbegräbnisse auf den Gemarkungen der Gemeinden WaldbiIIig, Heffingen und Steinfort, in: Publ. Sect. Hist, 12, 1856, S. 13 ff. - Steinfort, in: Société des Naturalistes Luxembourgeois 3-6, Luxemburg 1915, S. 64 ff.].

Tafel 1 - Teilstrecke der Römerstrasse Reims-Trier

Es wäre gewagt, an Hand der neuesten Funde den Beginn des Vicus von Mamer früher als in die claudische Zeit zu datieren. Die Besiedlung scheint bis ins vierte Jahrhundert nicht abgerissen zu haben. Etwaige Zerstörungen konnten wegen der sehr schlechten Grabungsbedingungen, außer im Keller von Haus 2 und in einer schwarzen Schicht in Planquadrat [G/18] (siehe Aufsatz Weiller) nicht beobachtet werden. Die genaue Ausdehnung bleibt unbekannt. Die Anordnung der Bauten sowie die Lage und Belegungsdichte der Gräberfelder sprechen jedoch für eine verhältnismäßig große Bedeutung. Von besonderer Wichtigkeit ist der fast stadtähnliche Charakter der rechtwinklig angelegten Straßen, die sich wahrscheinlich auf der Anhöhe westlich der Römerstraße fortsetzten.

Über die Einwohnerschaft des Vicus gibt der archäologische Befund wenig Aufschlüsse. Mindestens drei handwerkliche Tätigkeiten sind belegt: die Schmiedekunst durch das Auffinden von Geräten in Zisterne 2
(vgl. Taf. 12, 1-3), die Schreinerei durch Geräte aus Zisterne 6 (vgl. Taf. 12, 4-6), sowie die Töpferei in Grabungsabschnitt D. Der Zweck und die Bedeutung eines Vicus wie der beim Tossenberg kann nur im Zusammenhang mit anderen Befunden erkannt werden.

Die Auffassung Oelmanns vom gallo-römischen Vicus in den Nördwestprovinzen als ein sogenanntes Einstraßendorf mit vorwiegend handeltreibender Bevölkerung ist durch neuere Erkenntnisse weiter auszubauen und zu differenzieren
[38 Fr. Oelmann; GalIo-römische Straßensiedlungen und Kleinhausbauten, in: Bonner Jb. 128, 1923, S. 77 ff. - A. Grenier; Manuel d'Archéologie GaIlo-Romaine VI, 2, Paris 1934, S. 695 ff.].

So zum Beispiel gibt der Lagetyp der Siedlungen eine Unterscheidungsmöglichkeit, die hier nur kurz angeschnitten werden kann. Gewisse spätlatènezeitliche Oppida behielten ihre siedlungsgeographischen Vorteile auch während der Römerzeit. Das Vorhandensein von Bodenschätzen (z. B. Eisen und Kalkstein auf dem Titelberg) sowie eine alte Markttradition sind nur einige dieser Vorteile, welche die Fortdauer der Besiedlung sicherten. Die Form dieser Siedlungen dürfte, wenn auch zum großen Teil noch unbekannt, sehr verschieden gewesen sein, da man sich an die gegebene, nach defensiven Gesichtspunkten ausgewählte Topographie anpassen mußte und sich zum Teil sogar an die vorrömische Bauorganisation anlehnte
[39 vgl. die gleiche Winkligkeit der Spätlatènebauten und der kaiserzeitlichen Parzellen auf dem Titelberg].


Die Lage und Form der kaiserzeitlichen Neugründungen ist abhängig von der Zweckbestimmung der Siedlung. Ein Ausgangspunkt für die Anlage eines römischen Vicus ist oft die römische Straße, meistens die Fernstraße. Die festgelegten Raststätten und Stationen entlang dieser Straßen wurden oft zu Kernsiedlungen für spätere Vici. Da bei der Wahl des Standortes dieser Raststätten, die spätere Bildung einer Siedlung wahrscheinlich nur zum Teil berücksichtigt wurde, ist die Anordnung der Bauten in diesem Fall auch größtenteils von der Lage abhängig.

Die Entstehung eines Vicus braucht jedoch nicht unbedingt mit dem Vorhandensein einer Mansio oder einer Mutatio in Verbindung zu stehen. Oelmann erkannte richtig, daß ein gallo-römischer Vicus meist ein Marktort war. Ein Marktort aber braucht sich nicht an die rigide Einteilung der römischen Fernstraßen in Tagesstrecken zu halten, sondern liegt oft an Straßenkreuzungen oder Abgabelungen von regionalen Straßen, welche die Verbindung mit dem Hinterland herstellen. Inmitten eines landwirtschaftlich reichen Gebiets war er der Umschlagsort für regionale Produkte und überregionalen Import.

Außer den Händlern bewohnte eine differenzierte Handwerkerbevölkerung, welche den Bedarf der weitverstreuten Gehöfte des Hinterlandes deckte, den Vicus; er dürfte auch Sitz einer kleinen Lokalverwaltung und Heimatort von Arznei- und Schriftkundigen etc. gewesen sein.

In diesem Fall entwickelte sich die Siedlung häufig vom Einstraßendorf zum Haufendorf mit zum Teil geometrischer Anordnung der Bauten. Ob der geometrische Plan eine ursprüngliche Planung und schnelle Entwicklung bezeugt, wie es der Fall in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Siedlungsgeographie ist, muß erst durch Grabungen festgestellt werden. Tatsache bleibt, daß die Erforschung dieses Siedlungstyps erst in ihren Anfängen steht. Wenn die Ergebnisse der Notgrabungen im gallo-römischen Vicus von Mamer auch nicht auf alle offenen Fragen antworten können, so geben sie jedoch die Gelegenheit, diese neu zu stellen
[A. Wankenne; La Belgique à I'Epoque Romaine, Sites urbains, villageois, religieux et militaires, Bruxelles 1972, S. 199 ff. – M. Todd; The small Towns of Roman Britain, in: Britannia 1,1970, S. 114 ff.].

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