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Der römische Vicus von Mamer lag im westlichen
Stammesgebiet der Treverer. Seine Anlage steht in direktem Zusammenhang mit der
großen Römerstraße, welche die Städte Reims und Trier verband.
Der Fund eines römischen Meilensteins aus dem
Jahre 44 n. Chr. in Zweitverwendung in der spätrömischen Befestigung von
Montauban-sous-Buzenol in Belgien gab einen ersten Anhaltspunkt für die
Datierung dieser Straße [35 H. Fincke;
XVII Bericht der R.G.K. Mainz 1927, S. 106, N. 320. - J Mertens; La Chaussé
romaine de Reims a Treves, in: Archaeologia BeIgica 35, 1957, S. 3 ff.].
Dieser wurde durch das Auffinden der bei den
frührömischen Gräberfelder von Fouches (Taf. 1, F) und Chantemelle (Taf. 1, C)
nahe Arlon verstärkt, da der Bearbeiter H. Roosens vermutete, daß ein großer
Teil der Gräber während der Bauarbeiten für die Römerstraße angelegt wurde
[36 H. Roosens: Cimetière romain du Haut Empire a
Fouches (Hachy-Luxembourg) in: Archaeologia BeIgica 20, 1954, S. 169 ff. - Un
cimetière au milieu du Ier siècle a ChantemeIle, in: Archaeologia BeIgica 21,
1954, S. 75 ff.].
Falls diese Vermutung gerechtfertigt ist, so
ist die Straße. sicherlich älter, da die meisten Gräber von Fouches und von
Chantemelle eher in tiberische Zeit datieren. Hierzu wären zu rechnen die
augusteischen oder tiberischen Gräber des „Schwarzenhof“ bei Steinfort auf 1000
m Entfernung von der Römerstraße (Taf. 1, S)
[37 Joh. EngIing: Die Römerbegräbnisse auf den
Gemarkungen der Gemeinden WaldbiIIig, Heffingen und Steinfort, in: Publ. Sect.
Hist, 12, 1856, S. 13 ff. - Steinfort, in: Société des Naturalistes
Luxembourgeois 3-6, Luxemburg 1915, S. 64 ff.].
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Tafel 1 - Teilstrecke der Römerstrasse
Reims-Trier |
Es wäre gewagt, an Hand der neuesten Funde den
Beginn des Vicus von Mamer früher als in die claudische Zeit zu datieren. Die
Besiedlung scheint bis ins vierte Jahrhundert nicht abgerissen zu haben. Etwaige
Zerstörungen konnten wegen der sehr schlechten Grabungsbedingungen, außer im
Keller von Haus 2 und in einer schwarzen Schicht in Planquadrat [G/18] (siehe
Aufsatz Weiller) nicht beobachtet werden. Die
genaue Ausdehnung bleibt unbekannt. Die Anordnung der Bauten sowie die Lage und
Belegungsdichte der Gräberfelder sprechen jedoch für eine verhältnismäßig große
Bedeutung. Von besonderer Wichtigkeit ist der fast stadtähnliche Charakter der
rechtwinklig angelegten Straßen, die sich wahrscheinlich auf der Anhöhe westlich
der Römerstraße fortsetzten.
Über die Einwohnerschaft des Vicus gibt der archäologische Befund wenig
Aufschlüsse. Mindestens drei handwerkliche Tätigkeiten sind belegt: die
Schmiedekunst durch das Auffinden von Geräten in Zisterne 2
(vgl. Taf. 12, 1-3), die Schreinerei durch
Geräte aus Zisterne 6
(vgl. Taf. 12, 4-6), sowie die Töpferei in
Grabungsabschnitt D. Der Zweck und die Bedeutung eines Vicus wie der beim
Tossenberg kann nur im Zusammenhang mit anderen Befunden erkannt werden.
Die Auffassung Oelmanns vom gallo-römischen Vicus in den Nördwestprovinzen als
ein sogenanntes Einstraßendorf mit vorwiegend handeltreibender Bevölkerung ist
durch neuere Erkenntnisse weiter auszubauen und zu differenzieren
[38 Fr. Oelmann; GalIo-römische Straßensiedlungen
und Kleinhausbauten, in: Bonner Jb. 128, 1923, S. 77 ff. - A. Grenier; Manuel
d'Archéologie GaIlo-Romaine VI, 2, Paris 1934, S. 695 ff.].
So zum Beispiel gibt der Lagetyp der Siedlungen eine Unterscheidungsmöglichkeit,
die hier nur kurz angeschnitten werden kann. Gewisse spätlatènezeitliche Oppida
behielten ihre siedlungsgeographischen Vorteile auch während der Römerzeit. Das
Vorhandensein von Bodenschätzen (z. B. Eisen und Kalkstein auf dem Titelberg)
sowie eine alte Markttradition sind nur einige dieser Vorteile, welche die
Fortdauer der Besiedlung sicherten. Die Form dieser Siedlungen dürfte, wenn auch
zum großen Teil noch unbekannt, sehr verschieden gewesen sein, da man sich an
die gegebene, nach defensiven Gesichtspunkten ausgewählte Topographie anpassen
mußte und sich zum Teil sogar an die vorrömische Bauorganisation anlehnte
[39 vgl. die gleiche Winkligkeit der
Spätlatènebauten und der kaiserzeitlichen Parzellen auf dem Titelberg].


Die Lage und Form der kaiserzeitlichen
Neugründungen ist abhängig von der Zweckbestimmung der Siedlung. Ein
Ausgangspunkt für die Anlage eines römischen Vicus ist oft die römische Straße,
meistens die Fernstraße. Die festgelegten Raststätten und Stationen entlang
dieser Straßen wurden oft zu Kernsiedlungen für spätere Vici. Da bei der Wahl
des Standortes dieser Raststätten, die spätere Bildung einer Siedlung
wahrscheinlich nur zum Teil berücksichtigt wurde, ist die Anordnung der Bauten
in diesem Fall auch größtenteils von der Lage abhängig.
Die Entstehung eines Vicus braucht jedoch nicht unbedingt mit dem Vorhandensein
einer Mansio oder einer Mutatio in Verbindung zu stehen. Oelmann erkannte
richtig, daß ein gallo-römischer Vicus meist ein Marktort war. Ein Marktort aber
braucht sich nicht an die rigide Einteilung der römischen Fernstraßen in
Tagesstrecken zu halten, sondern liegt oft an Straßenkreuzungen oder
Abgabelungen von regionalen Straßen, welche die Verbindung mit dem Hinterland
herstellen. Inmitten eines landwirtschaftlich reichen Gebiets war er der
Umschlagsort für regionale Produkte und überregionalen Import.
Außer den Händlern bewohnte eine differenzierte Handwerkerbevölkerung, welche
den Bedarf der weitverstreuten Gehöfte des Hinterlandes deckte, den Vicus; er
dürfte auch Sitz einer kleinen Lokalverwaltung und Heimatort von Arznei- und
Schriftkundigen etc. gewesen sein.
In diesem Fall entwickelte sich die Siedlung häufig vom Einstraßendorf zum
Haufendorf mit zum Teil geometrischer Anordnung der Bauten. Ob der geometrische
Plan eine ursprüngliche Planung und schnelle Entwicklung bezeugt, wie es der
Fall in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Siedlungsgeographie ist, muß
erst durch Grabungen festgestellt werden. Tatsache bleibt, daß die Erforschung
dieses Siedlungstyps erst in ihren Anfängen steht. Wenn die Ergebnisse der
Notgrabungen im gallo-römischen Vicus von Mamer auch nicht auf alle offenen
Fragen antworten können, so geben sie jedoch die Gelegenheit, diese neu zu
stellen [A. Wankenne; La Belgique à
I'Epoque Romaine, Sites urbains, villageois, religieux et militaires, Bruxelles
1972, S. 199 ff. – M. Todd; The small Towns of Roman Britain, in: Britannia
1,1970, S. 114 ff.]. |