image

image
image


ÖFFENTLICHE BÄDERANLAGE UND SPÄTANTIKE BAURESTE IM GALLO-RÖMISCHEN VICUS VON MAMER

 

von Jeannot METZLER und Johny ZIMMER
in Hémecht 1975/27, pp. 429-475.

 

 

C. ZUSAMMENFASSUNG UND BEDEUTUNG


Die Ausgrabungen der Jahre 1844, 1971 und 1973 hatten das Vorhandensein einer grögeren Siedlung an der Römerstraße Reims- Trier zwischen den bekannten Stationen von Arlon-Orolaunum und Anven-Andethannale-Vicus bewiesen
(16 Publ. Sect. Hist. 5, 1849, 132 ff. Publ. Sect. Hist. 88, 1971, und Hemecht 4, 1973, 485 ff).

 

Weder das Itinerarium Antonini, noch die Peutinger Karte erwähnten diese Siedlung, deren Namen "Mambra" erst im 10. Jahrhundert urkundlich belegt ist (17 C. Wampach, Urkunden- und Quellenbuch zur Geschichte der altluxemburgischen Territorien bis zur burgundischen Zeit. Bd. I, Luxbg. 1935, 216, Nr. 168).


Im Norden und im Süden wird der Vicus durch zwei an der Römerstraße gelegenen Gräberfelder begrenzt. Die Ausdehnung der Siedlungsspuren kann durch neue Baugrubenbeobachtung und Felderbegehungen auf etwa 10 ha geschätzt werden.

 

Die rechtwinklig an die Fernstraße anstoßenden Nebenstraßen und die Anordnung der langrechteckigen Privatparzellen, erheben die Bedeutung der Siedlung über die eines einfachen Einstrassendorfes (18 Fr. Oelmann, Gallo-römische Straßensiedlungen und Kleinhausbauten, in: Bonner Jb. 128, 1932, 77 ff). Drei handwerkliche Berufe wurden durch die früheren Grabungen belegt: die Töpferei, die Schreinerei und die Schmiedekunst.


Die neuen Untersuchungen der Jahre 1974-1975 ermöglichten an Hand von vielen Details, die Choronologie der römischen Bautätigkeit in der Flur "Woosen" zu erarbeiten:

  • Anfang 1. Jh. n. Chr. (?) - Holzbau in der Verlängerung einer Vicusstraße

  • um 70-275/276 n. Chr. - Öffentliche Badeanlage mit 5 Erweiterungsphasen

  • 275/76 n. Chr. - Zerstörung des Bades durch Germaneneinfälle

  • 275/76- um 348 n. Chr. - Improvisierte Privatwohnungen in den Thermen

  • um 348 - 405/6 n. Chr. - rechteckiger "Speicherbau" (?)

  • 405/6 n. Chr. - Zerstörung des "Speichers" durch Germaneneinfälle.

Über diese Zeittafel hinaus jedoch liefern die archäologischen Schichten der Bachterrasse neue und wertvolle Angaben über die Geschichte und Organisation der gesamten Siedlung und über das Leben in römischen Zivilvici im allgemeinen.

Die Ausrichtung des Pfostenhauses der ersten Periode scheint zu beweisen, daß schon in frührömischer Zeit die geometrische Anordnung der Straßenzüge der Ortschaft festlag. Dies wäre ein Argument für eine ursprüngliche Planung der Vicusanlage. Die Holzbauweise ist, wie vielerorts festgestellt, in der frühen Kaiserzeit sehr verbreitet
(19 z. B. J. Mertens, Le relais romain de Chameleux, Bruxelles 1968; H. v. Petrikovits, Das Römische Rheinland, Köln und Opladen 1959, 103 ff.; S.S. Frere, Verulamium Excavations, vol , I, Oxford 1972.).

Erst nach dem Ausbau der für die Romanisierung des westlichen Trevererlandes so wichtigen Fernstraße Reims- Trier unter Kaiser Claudius, erlebte "Mambra" einen bedeutenden Aufschwung
(20 J. Mertens, La Chausséee romaine de Reims à Trèves, in: Archaeologica Belgica 35, 1957.). Der Reichtum und die Zunahme der romanisierten Bevölkerung, sei es durch Zuwanderung von Handel und Gewerbe treibenden Unternehmern, oder durch die Gewöhnung der einheimischen Bevölkerung an die römische Lebensart, wird durch die Anlage von öffentlichen Bauten, welche der Siedlung einen stadtähnlichen Charakter geben sollten, verdeutlicht.

Eine Generation nach dem Ausbau der großen Römerstraße war der Wohlstand der Siedlungsgemeinschaft so weit gediehen, daß das Bedürfnis nach einer typisch mediterranen Einrichtung, nämlich nach öffentlichen Bädern bestand. Ob der Bau dieses Bades mit Geldern der Vicusbevölkerung, oder durch eine private Stiftung finanziert wurde, ist in Mamer nicht feststellbar. Die Anordnung der Räume gehorcht dem von D. Krencker beschriebenen "Reihentyp" von römischen Thermen
(21 D. Krencker, Die Trierer Kaiserthermen, Augsburg 1929, 177 f.). Die vielen Umbauten und die Vergrößerungen von einer ursprünglichen Fläche von 77 qm im ersten auf 450 qm im dritten Jahrhundert sind beredte Zeugen der Dynamik der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung dieser Kleinstadt.

Ein weiteres öffentliches Gebäude wurde durch das Auffinden von wiederverwandten Inschrift- und Bildsteinen in den Fundamenten des spätantiken "Speichers" nachgewiesen.

 

Die Weihinschriften Nr. 74-15/257 und 74-15/511, sowie die Apollo­Darstellung Nr. 74-15/564 stammen mit Sicherheit aus einer Tempelanlage. Besonders die Erwähnung der Großen Mutter oder Kybele, einer orientalischen Gottheit, war überraschend (22 E. Schwertheim, Die Denkmäler orientalischer Gottheiten im römischen Deutsch­land, Leiden 1974, 290 ff. - H. Craillot, Le culte de Cybèle, Mère des Dieux à Rome et dans l'Empire Romain, Paris 1912. - M. J. Vermaseren, Etudes préliminaires aux Réligions Orientales dans l'Empire Romain, Leiden.).

 

Weitaus verbreiteter hingegen war im gallischen Raum der Kult des Apollo-Grannus (23 G. Weisgerber, Das Pilgerheiligtum des Apollo und der Sirona von Hochscheid im Hunsrück, Bonn 1975). Die einzige, uns bekannte Erwähnung eines gemeinsamen Kultes des Apollo-Grannus und der Kybele stammt aus Faimingen an der Donau (24 C.I.L. III, 5873).

 

Leider war bis jetzt die Lokalisation eines Heiligtums im Areal des Vicus von Mamer noch nicht möglich. Auch ist nicht geklärt, ob und wieweit das Vor­handensein einer Kultstätte im Zusammenhang mit der Gründung der Siedlung oder eventuell der Thermen steht. (25 S.S. Frere, The Origin of Small Towns, in: Small Towns of Roman Britain, Oxford 1975, 4 ff).


Einen abrupten Bruch in seiner Entwicklung erlebte der römische Vicus durch die Germaneneinfälle von 275/6 n. Chr. Wie der Zerstörungshorizont in den Thermen und an anderen Stellen im Siedlungsareal beweist, ging ganz "Mambra" in dieser Zeit in Flammen auf.


Nachdem die plündernden und brandschatzenden Germanenhorden ihren Zug durch Gallien fortgesetzt hatten, wagte sich die einheimische Bevölkerung, die sicherlich zum Teil in den Wäldern der Ardennen Schutz gesucht hatte, wieder in ihre zerstörten Dörfer und Bauernhöfe zurück. Die archäologische Prospektion bßt deutlich erkennen, daß ein bedeutender Teil von landwirtschaftlichen Betrieben verlassen blieb, da ihre Besitzer entweder tot, oder finanziell nicht mehr in der Lage waren, einen Wiederaufbau zu wagen. Die Strassenvici, die für die allgemeine Wirtschaftsrelance von absoluter Wichtigkeit waren, wurden, wie die Münzreihen von Dalheim, Altrier und auch Mamer beweisen, schnell erneut funktionsfähig gemacht
(26 R. Weiller, Die Fundmünzen der römischen Zeit im Großherzogtum Luxemburg. Berlin 1972), erlebten jedoch nie wieder die Blüte der mittleren Kaiserzeit.

 

Die Neubesiedlung von "Mambra" war zum Teil sehr notdürftig. Die Tatsache, daß das in Ruinen liegende öffentliche Thermengebäude als improvisierte Privatwohnungen eingerichtet wurde, läßt zumindesten ein gewisses Brachliegen der Vicusverwaltung erkennen. Sie bedeutet außerdem, daß die eng aneinander liegenden Reihenhäuser der Siedlung der Brandkatastrophe weniger Widerstand geboten hatten, als das einzeln gelegene Bad.


Wie die Funde dieser Schicht der Grabungen beweisen, hausten wahrscheinlich mehrere Familien fast 75 Jahre in diesen Notunterkünften. Es ist jedoch nicht möglich, aus diesem separaten Befund Schlüsse über die allgemeine soziale und wirtschaftliche Lage der Bevölkerung der Kleinstädte am Anfang des IV. Jh zu ziehen, da bisher fast alle archäologischen Untersuchungen der Spätantike ausschließlich der Erforschung der militärischen Neuorganisation gegolten haben.


Um die Mitte des IV. Jahrhunderts wurden die Behausungen in den alten Ruinen abgerissen und einplaniert und auf dem, wahrscheinlich noch immer in öffentlichem Besitz befindendem Gelände wurde ein großes rechteckiges Gebäude errichtet.

Obschon ein fester Beweis für die Bestimmung dieses Baues fehlt, sprechen jedoch verschiedene Beobachtungen für eine Deutung als Speicher. Die Tatsache, daß ein Teil der alten Thermenmauern wahrscheinlich als Stützen eines Holzbodens wiederverwendet wurden, erklärt, warum der Bau keinem der üblichen Pfeilerhorrea ähnelt
(27 G. Riekman, Roman Granaries and Store Buildings, Cambridge 1971). Da die Jahrringkurve des IV. Jahrhunderts nur sehr schwach belegt ist, kann das dendrochronologisch erarbeitete Baudatum von 348 n. Chr. nur mit Vorbehalt angeführt werden.

Einleuchtender ware es sicherlich, die Errichtung des Magazins im Zusammenhang mit der Neuinstandsetzung des Limes und des für die Logistik so wichtigen Straßennetzes unter Kronprinz Julian zu sehen. Durch literarische Nachrichten ist bekannt, daß zu Zeiten Julians die Verpflegungsschwierigkeiten so groß waren, daß Weizen aus England importiert werden mußte
(28 Libanius, Oratio XVIII. 83 (= Byvanck, Excerpta Rom. I, 412), Zosimos III, 5. Ammianus Marcellinus XVIII, 2, 3.).

Parallel zu dieser Einfuhr werden sicherlich auch Anstrengungen für eine wirksamere Organisation der Annonabesonders im Hinterland der Kaiserstadt Trier gemacht worden sein. In diesem Zusammenhang darf man auch die Formulierung des Ausonius "non castra sed horrea Belgis" sehen
(29 Ausonius, Mosella 456-457.).

Es wäre unseres Erachtens jedoch gewagt, durch das Vorhandensein von Waffengräbern in dem 10 km westlich von Mamer gelegenen Steinfort, sowie durch den Fund einer spätantiken Gürtelschnalle mit zoomorphen Darstellungen in den Schichten von "Woosen" (Abb. 23, Nr. 14) auf eine Verwaltung unseres Magazins durch germanische Laeten zu schließen. Für solche Behauptungen steckt die Archä­logie des zivilen Hinterlandes in der Spätantike noch zu sehr in den Kinderschuhen.


Die Münzreihe in "Woosen" wie übrigens die des ganzen Vicus bricht am Anfang des V. Jahrhunderts ab. Wie die übrigen Siedlungen unseres Landes fiel auch Mambra den Germaneneinllen von 405/6 n. Chr. zum Opfer.



image
 
image
image
image