Knochenmaterial aus Brunnen, Zisternen, Latrinen usw. ist in besonderem Maße
dafür geeignet, die Haustierarten zu erforschen, die in den Fundschichten
von Siedlungen normalerweise nur mit wenigen Knochen vertreten sind: Hunde
und Katzen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass es sich bei den in den
Siedlungen weggeworfenen Abfällen in der Masse um Schlacht-, Küchen- und
Speisereste handelt, und daher Haustiere, die gewöhnlich nicht gegessen
wurden, stark unterrepräsentiert sind.
Andere
Fundzusammensetzungen weisen dagegen oft die Auffüllungen von Brunnen,
Zisternen und Latrinen auf, in denen gerade diese Arten verstärkt vertreten
sind. Die unterschiedlichen Fundkonstellationen sind vermutlich so zu
erklären, dass man beim Verfüllen der großen, funktionslos gewordenen Gruben
die Möglichkeit nutzte, sich gleich ganzer Tierkadaver, die man nicht weiter
verwerten konnte, ohne viel Aufwand zu entledigen. Obwohl die Fundmengen
meist vergleichsweise gering sind, ist dennoch die Bearbeitung von
Knochenmaterial aus den genannten Befunden stets sehr aufschlussreich; so
auch im Fall der Tierknochen einer Zisterne aus dem römischen Vicus von
Mamer.
Die
Zisterne wurde im März 2001 bei Straßenbauarbeiten am «Tossenbierg» bei
Mamer angeschnitten und in einer Notgrabung durch Mitglieder der Georges
Kayser Altertumsfuerscher geborgen.
Das
Fundmaterial mit Ausnahme der Tierknochen wurde bereits 2002 durch F.
Dövener in einem Vorbericht publiziert
(F. Dövener.
Eine Zisterne aus dem römischen Vicus von Mamer.
Den Ausgriewer 12, 2002, 14-15 (Nachdruck in: D' Georges Kayser
Altertumsfuerscher a.s.b.l.-Nospelt (Hrsg.), Auf den Spuren der
Vergangenheit 1989-2004,2005,318-323).
Die
vorläufige Untersuchung des Materials ergab, dass die Zisterne in einem
Zeitraum zwischen dem fortgeschrittenen 2, Jh. und der zweiten Hälfte des 3.
Jh. verfüllt worden ist Bei der Notgrabung konnten neben Keramik, einer
Fibel, einer Münze, einer knöchernen Haarnadel, Nägeln und zwei
Glasfragmenten auch 854 Tierknochen geborgen werden, Die starke
Fragmentierung der Knochen behinderte eine artliche Bestimmung der Reste und
so konnten nur 535 Stücke einer Art zugeordnet werden. Bei einigen war es
aufgrund der Knochenstärke lediglich möglich, die Größe des Tieres
abzuschätzen, und es entweder als Rest eines großen oder eines mittelgroßen
Säugers zu bestimmen.
Wie
nicht anders zu erwarten, dominieren Haustiere stark im Material der
Zisterne, während Wildtiere mit einem Anteil von 5 % nur eine unbedeutende
Rolle spielen. An Haussäugern konnten Rind, Schaf, Ziege, Schwein, Hund und
Pferd nachgewiesen werden.
Die
Römer hielten sich als Hausgeflügel Hühner, Gänse und Tauben. In Mamer Ist
aufgrund des Fundmaterials aus der Zisterne lediglich die Haltung von
Hühnern sicher belegt, während bei einem Taubenknochen nicht eindeutig
bestimmt werden konnte, ob dieser von einer Haustaube oder aber von einer
wildlebenden Hohltaube stammte.
Die
wenigen Wildtierknochen gehörten zu einem Feldhasen und zu verschiedenen
vvildvogelarten Das Vorkommen von Dohle und möglicherweise Elster war nicht
sonderlich überraschend, handelt es sich doch um Arten, die die
Nachbarschaft zu Menschen nicht scheuen. Einer kleinen Sensation gleich kam
jedoch der Umstand, dass sich unter den Funden auch das Teilskelett eines
Weißstorches befand.
Einleitend wurde berichtet, dass sich Tierknochenmaterial aus Brunnen und
ähnlichen Befunden in der Häufigkeit der verschiedenen Haustierarten
deutlich von “normalen” Siedlungsfunden abhebt So ist es auch im Fall des
hier vorgestellten Untersuchungsmaterials.
Die
meisten Knochen aus der Zisterne stammen vom Hund (38 %). An zweiter Stelle
kommen die Kleinwiederkäuer (Schaf/Ziege, 18 %), gefolgt von Schwein und
Huhn (14 %), die annähernd gleich stark vertreten sind. Auf das Rind,
welches oft die häufigste Art in römischem Tierknochenmaterial ist,
entfallen nur 11 % der bestimmbaren Knochen, In der Zisterne befanden sich
die Reste von mindestens zwölf Hühnern. neun Kleinwiederkäuern, sieben
Hunden, sechs Schweinen und vier Rindern. Von Pferd, Hase, Storch, Dohle.
Taube und Elster ließ sich jeweils nur ein Individuum nachweisen.
Aufgrund des Vorhandenseins verschiedener Skelettelemente, der
Zerteilungsspuren, der Alterszusammensetzung und der Bearbeitungsspuren bei
den verschiedenen Tierarten kann man davon ausgehen, dass beim Verfüllen der
Zisterne sowohl Speise- und Schlachtabfälle als auch in geringem Umfang die
Abfälle einer Knochenwerkstatt und einige tote Tiere entsorgt wurden.
Speise- und Schlachtabfälle
Zu
dieser Kategorie zählen mit Sicherheit die Mehrzahl der Rinderreste und alle
Schweine- und Kleinwiederkäuerknochen. Auch bei den Stücken von
ausgewachsenen Hühnern und den Resten von Hase und Taube ist davon
auszugehen, dass diese Tiere gegessen wurden.
Das
Übergewicht von Knochen ausgewachsener Individuen bei den
Wirtschaftshaustieren zeigt deutlich, dass man in den meisten Fällen Rinder,
Schafe und Ziegen nicht ausschließlich hielt, um sie zu essen. sondern um
sie als Arbeitstiere sowie zur Woll- und Milchgewinnung zu nutzen. Schweine,
die man allein zum Verzehr hielt, tötete man hingegen bevorzugt im zweiten
oder am Anfang des dritten Lebensjahres, zu einem Zeitpunkt also, an welchem
die Tiere ihr optimales Schlachtgewicht erreicht hatten.
Individuen, die noch während des ersten Lebensjahres geschlachtet wurden,
sind bei den Wirtschaftshaustieren selten. Von Hühnern liegen nicht nur
Reste von ausgewachsenen Tieren, sondern zum überwiegenden Teil von
Jungtieren unterschiedlichen Alters vor.
Während man bei den subadulten und adulten Individuen noch davon ausgehen
kann, dass diese gegessen worden sind, ist dies bei den jüngeren Tieren
jedoch fraglich. Bei dem Hasen handelt es sich um ein Jungtier, welches
vermutlich in der ersten Hälfte des ersten Lebensjahres gefangen und getötet
wurde. Die Jagd auf diese Tierart war bei den Römern sehr beliebt, wie
zahlreiche Bildquellen verdeutlichen
(C. Wustrow, Die Tierreste
aus der römischen Villa von Borg, Kr. Merzig-Wadern,
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Bd. 113, Bonn 2004,
61).
Auch galt
Hasenfleisch als Delikatesse, und um der großen Nachfrage entgegenzukommen,
verließ man sich nicht allein auf den Jagderfolg, sondern man hielt die
Tiere in Wildgehegen, so genannten Leporarien
(Varro 3, 12,4-5 (D. Flach
(Hrsg.),
Marcius Terentius Varro, Gespräche über die Landwirtschaft III,
Darmstadt 2002),
um stets darüber verfügen zu können, Es ist daher nicht verwunderlich, dass
der Hase im Material römischer Siedlungen regelmäßig anzutreffen ist.
Werkstattabfall
Auf
eine Verarbeitung von Knochen innerhalb des Vicus weisen elf abgesägte
Knochenenden bzw. -fragmente hin. Man bevorzugte für die Herstellung von
Gerätschaften aus Bein die Langknochen (Radius, Tibia und Metacarpus) von
Pferd und Rind. Fünf Knochenfragmente konnten lediglich Großsäugern
zugeordnet werden und es muss offen bleiben, welches Skelettelement
bearbeitet worden war, Ein Fehlschnitt auf einem Radius verdeutlicht, wie
dünn die Sägeblätter der damaligen Zeit waren. Die Breite des Schnittes
betrug nur 1,2 mm.

Abb. 1 -
Werkstattabfall: Tibia, Radius, Metacarpus,
Tibia (v. 1.) mit Sägespuren
Tierkörper
In die
ausgediente Zisterne wurde, wie bereits erwähnt, nicht nur Hausmüll
geworfen, sondern auch tote Tiere, die man aus ethischen Gründen nicht aß
oder die an Krankheiten gestorben und somit für den Verzehr ungeeignet
waren.
In
diese Kategorie fallen mit Sicherheit die Hunde, von denen 202 Knochen im
Material vorliegen und die mindestens sieben Individuen repräsentieren.
Trotz des hohen Knochenverlustes (87 %) kann davon ausgegangen werden, dass
ursprünglich wohl ganze Kadaver oder zumindest Teilskelette in die Zisterne
gelangten. Der Verlust von den meist recht kleinen Knochen ist wohl eher
darauf zurückzuführen, dass es im Rahmen einer Notgrabung vermutlich kaum
möglich war, die gesamte Erde zu sieben oder zu schlämmen. Die Tatsache,
dass viele der großen Röhrenknochen, nach ihrer Größe und der Struktur zu
urteilen, paarweise vorliegen, stützt diese Vermutung. Die Altersspanne der
Tiere ist recht groß und reicht von juvenil über subadult bis adult. Zwei
der drei Welpen wurden nur ein bis drei Monate alt und auch das dritte Tier
starb innerhalb des ersten halben jahres. Das Alter eines weiteren Hundes
kann mit 8-13 Monaten angegeben werden, während es sich bei den restlichen
drei Individuen um ausgewachsene Tiere (> 1,5 Jahre) handelt. Einer dieser
Hunde muss relativ alt geworden sein, denn die Zähne weisen eine relativ
starke Abkauung auf. Lediglich ein Rüde konnte im Material ermittelt werden,
während das Geschlecht der übrigen Hunde unbekannt bleiben muss.
Über
das Vermessen der Knochen bekommt man einen Einblick in die Größe und die
Wuchsform der Hunde des römischen Vicus von Mamer. Die drei ausgewachsenen
Individuen hatten eine Widerristhöhe von 30 cm, 35 cm und knapp 40 cm und
sind in die Gruppe der Kleinhunde einzuordnen. Während zwei Tiere als
normalwüchsig eingestuft werden können, weisen die Knochen des kleinsten
Individuums einen kräftigen Wuchs auf, d.h. der Hund hatte relativ kurze,
stämmige Beine. Nach der Wuchsform des Radius zu urteilen, müssten die
Beine des Tieres aus Mamer in etwa Proportionen aufweisen, wie sie bei den
heutigen Rassen Beagle und Pekinese zu beobachten sind, wenngleich es in
seiner Körpergröße zwischen den beiden genannten Rassen liegt
(Einordnung nach J. Peters,
Römische Tierhaltung und Tierzucht. Eine Synthese aus archäozoologischer
Untersuchung und schriftlich-bildlicher Überlieferung. Passauer
Universitätsschr. zur Archäologie Bd. 5, Rahden/Westf.1998, 419, Abb. 64.).

Abb. 2 -
Hund, pathologisch veränderte Tibia
Es
gibt aber auch Hinweise im Untersuchungsmaterial, die eine Haltung größerer
Hunde im Vicus annehmen lassen. So sind die Knochen eines Welpens trotz
seines geringen Alters bereits fast so groß wie die der ausgewachsenen
Tiere.
Wenngleich
genaue Angaben zur Endgröße des Tieres natürlich nicht möglich sind, so muss
doch davon ausgegangen werden, dass er diese an Größe übertraf. Die
beachtliche Vielfalt an Hundetypen, die seit der mittleren Kaiserzeit im
Fundmaterial nördlich der Alpen zu verzeichnen ist, lässt sich also auch am
Material aus Mamer recht gut belegen.
Einige
der Hundeknochen weisen starke pathologische Veränderungen auf, die die
Tiere stark in ihrer Bewegung eingeschränkt haben dürften. Zwei Rippenbrüche
blieben vermutlich ohne nennenswerten Einfluss auf das Leben der Hunde,
während eine nach einem Bruch nicht gerade zusammengewachsene Tibia dazu
geführt hat, dass das Tier dieses Bein nicht mehr aufsetzen konnte
(Abb. 2).
Gleiches kann auch für ein weiteres Tier angenommen werden, welches sich das
linke Vorderbein gebrochen hatte. Leider sind die beiden Bruchstücke von
Radius wie auch von Ulna nicht wieder zusammengewachsen, so dass auch dieses
Tier stark gehumpelt haben dürfte.
Bei
den Resten der jungen Hühner, bei denen es sich zum Teil noch um Küken
handelte, des Weißstorches, der Dohle und der Elster fällt eine klare
Einordnung als Küchenabfall oder aber als entsorgte Tierkadaver schwer. Mit
Ausnahme der Dohle gibt es für den Verzehr der übrigen Arten in römischer
Zeit schriftliche wie auch archäologische Belege
(C.
Wustrow (Anm. 2) 91; J. André, Essen und Trinken im alten Rom,
Stuttgart 1998, 104).
Das Fehlen von Zerteilungsspuren an den Knochen, die
Skelettelementverteilung (Weißstorch) wie auch die geringen Fleischmengen
(Hühner) sprechen jedoch gegen eine Interpretation als Speise- und
Schlachtabfälle. Plausibler erscheint die Vorstellung, dass man die
verendeten Tiere, die nach einer Seuche anfielen oder aber die man zufällig
in der Siedlung fand, in die Zisterne warf, um sich ihrer zu entledigen.

Abb. 3 -
Skelettreste vom Weißstorch
Von
dem Weißstorch liegen 17 Knochen aus allen Bereichen des Körpers vor
(Abb. 3).
Die
Ausbildung der Gelenke zeigt, dass das Tier zwar ausgewachsen war,
vermutlich aber bereits im ersten Lebensjahr verstarb. Die wenigen Reste von
Dohle (n= 4) und von Elster (n=2) stammen vermutlich von Tieren, die
zufällig innerhalb der Siedlung verstarben. Beide Arten sind nicht selten in
römischem Fundmaterial zu finden, da es sich bei beiden um Arten handelt,
die nur wenig Scheu haben, in der Nähe menschlicher Ansiedlungen zu leben.
Durch die antiken Quellen ist jedoch bekannt, dass die Römer Elstern und
Dohlen wegen ihrer Sprechkünste in Gefangenschaft hielten und zähmten
(O. Keller, Die antike
Tierwelt Bd.ll, Leipzig 1913,110; C. Wustrow (Anm. 2) 100)
, so dass ein engerer Kontakt zwischen den Bewohnern des Vicus von Mamer und
den Tieren nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann.
Die
archäozoologische Untersuchung der in einer Zisterne gefundenen Tierknochen
im Vicus von Mamer ergab, dass bei der Verfüllung dieses Objektes Küchen-
wie auch Werkstattabfälle und einige tote Tiere entsorgt wurden. Gerade
letztgenannte ermöglichen einen besseren Einblick in die römische
Hundehaltung im Gebiet des heutigen Luxemburg, als es sich aus der
Bearbeitung römischen Siedlungsmaterials bisher ergeben hat. Der Fund von
Weißstorchknochen ist nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch zoologisch
von Relevanz, da bislang nur vier römische Fundplätze
(Römische
Funde von Weißstorchresten in Tác-Gorsium (Ungarn), Longueil-Saint-Marie
(Frankreich), Verneuil-en-Halatte Frankreich) und Borg (Deutschland) zitiert
nach Wustrow (Anm. 2) 91)
bekannt sind, auf denen diese Art gefunden wurde.