image

image
image


Carola Oelschlägel
Die Tierknochen aus einer Zisterne des römischen Vicus von Mamer

Knochenmaterial aus Brunnen, Zisternen, Latrinen usw. ist in besonderem Maße dafür geeignet, die Haustierarten zu erforschen, die in den Fundschichten von Siedlungen normalerweise nur mit wenigen Knochen vertreten sind: Hunde und Katzen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass es sich bei den in den Siedlungen weggeworfenen Abfällen in der Masse um Schlacht-, Küchen- und Speisereste handelt, und daher Haustiere, die gewöhnlich nicht gegessen wurden, stark unterrepräsentiert sind.

Andere Fundzusammensetzungen weisen dagegen oft die Auffüllungen von Brunnen, Zisternen und Latrinen auf, in denen gerade diese Arten verstärkt vertreten sind. Die unterschiedlichen Fundkonstellationen sind vermutlich so zu erklären, dass man beim Verfüllen der großen, funktionslos gewordenen Gruben die Möglichkeit nutzte, sich gleich ganzer Tierkadaver, die man nicht weiter verwerten konnte, ohne viel Aufwand zu entledigen. Obwohl die Fundmengen meist vergleichsweise gering sind, ist dennoch die Bearbeitung von Knochenmaterial aus den genannten Befunden stets sehr aufschlussreich; so auch im Fall der Tierknochen einer Zisterne aus dem römischen Vicus von Mamer.

Die Zisterne wurde im März 2001 bei Straßenbauarbeiten am «Tossenbierg» bei Mamer angeschnitten und in einer Notgrabung durch Mitglieder der Georges Kayser Altertumsfuerscher geborgen.

Das Fundmaterial mit Ausnahme der Tierknochen wurde bereits 2002 durch F. Dövener in einem Vorbericht publiziert (F. Dövener. Eine Zisterne aus dem römischen Vicus von Mamer. Den Ausgriewer 12, 2002, 14-15 (Nachdruck in: D' Georges Kayser Altertumsfuerscher a.s.b.l.-Nospelt (Hrsg.), Auf den Spuren der Vergangenheit 1989-2004,2005,318-323).

Die vorläufige Untersuchung des Materials ergab, dass die Zisterne in einem Zeitraum zwischen dem fortgeschrittenen 2, Jh. und der zweiten Hälfte des 3. Jh. verfüllt worden ist Bei der Notgrabung konnten neben Keramik, einer Fibel, einer Münze, einer knöchernen Haarnadel, Nägeln und zwei Glasfragmenten auch 854 Tierknochen geborgen werden, Die starke Fragmentierung der Knochen behinderte eine artliche Bestimmung der Reste und so konnten nur 535 Stücke einer Art zugeordnet werden. Bei einigen war es aufgrund der Knochenstärke lediglich möglich, die Größe des Tieres abzuschätzen, und es entweder als Rest eines großen oder eines mittelgroßen Säugers zu bestimmen.

Wie nicht anders zu erwarten, dominieren Haustiere stark im Material der Zisterne, während Wildtiere mit einem Anteil von 5 % nur eine unbedeutende Rolle spielen. An Haussäugern konnten Rind, Schaf, Ziege, Schwein, Hund und Pferd nachgewiesen werden.

 Die Römer hielten sich als Hausgeflügel Hühner, Gänse und Tauben. In Mamer Ist aufgrund des Fundmaterials aus der Zisterne lediglich die Haltung von Hühnern sicher belegt, während bei einem Taubenknochen nicht eindeutig bestimmt werden konnte, ob dieser von einer Haustaube oder aber von einer wildlebenden Hohltaube stammte.

Die wenigen Wildtierknochen gehörten zu einem Feldhasen und zu verschiedenen vvildvogelarten Das Vorkommen von Dohle und möglicherweise Elster war nicht sonderlich überra­schend, handelt es sich doch um Arten, die die Nachbarschaft zu Menschen nicht scheuen. Einer kleinen Sensation gleich kam jedoch der Umstand, dass sich unter den Funden auch das Teilskelett eines Weißstorches befand.

Einleitend wurde berichtet, dass sich Tierknochenmaterial aus Brunnen und ähnlichen Befunden in der Häufigkeit der verschiedenen Haustierarten deutlich von “normalen” Siedlungsfunden abhebt So ist es auch im Fall des hier vorgestellten Untersuchungsmaterials.

Die meisten Knochen aus der Zisterne stammen vom Hund (38 %). An zweiter Stelle kommen die Kleinwiederkäuer (Schaf/Ziege, 18 %), gefolgt von Schwein und Huhn (14 %), die annähernd gleich stark vertreten sind. Auf das Rind, welches oft die häufigste Art in römischem Tierknochenmaterial ist, entfallen nur 11 % der bestimmbaren Knochen, In der Zisterne befanden sich die Reste von mindestens zwölf Hühnern. neun Kleinwiederkäuern, sieben Hunden, sechs Schweinen und vier Rindern. Von Pferd, Hase, Storch, Dohle. Taube und Elster ließ sich jeweils nur ein Individuum nachweisen.

 Aufgrund des Vorhandenseins verschiedener Skelettelemente, der Zerteilungsspuren, der Alterszusammensetzung und der Bearbeitungsspuren bei den verschiedenen Tierarten kann man davon ausgehen, dass beim Verfüllen der Zisterne sowohl Speise- und Schlachtabfälle als auch in geringem Umfang die Abfälle einer Knochenwerkstatt und einige tote Tiere entsorgt wurden.

 

Speise- und Schlachtabfälle  

Zu dieser Kategorie zählen mit Sicherheit die Mehrzahl der Rinderreste und alle Schweine- und Kleinwiederkäuerknochen. Auch bei den Stücken von ausgewachsenen Hühnern und den Resten von Hase und Taube ist davon auszugehen, dass diese Tiere gegessen wurden.

Das Übergewicht von Knochen ausgewachsener Individuen bei den Wirtschaftshaustieren zeigt deutlich, dass man in den meisten Fällen Rinder, Schafe und Ziegen nicht ausschließlich hielt, um sie zu essen. sondern um sie als Arbeitstiere sowie zur Woll- und Milchgewinnung zu nutzen. Schweine, die man allein zum Verzehr hielt, tötete man hingegen bevorzugt im zweiten oder am Anfang des dritten Lebensjahres, zu einem Zeitpunkt also, an welchem die Tiere ihr optimales Schlachtgewicht erreicht hatten.

Individuen, die noch während des ersten Lebensjahres geschlachtet wurden, sind bei den Wirtschaftshaustieren selten. Von Hühnern liegen nicht nur Reste von ausgewachsenen Tieren, sondern zum überwiegenden Teil von Jungtieren unterschiedlichen Alters vor.

Während man bei den subadulten und adulten Individuen noch davon ausgehen kann, dass diese gegessen worden sind, ist dies bei den jüngeren Tieren jedoch fraglich. Bei dem Hasen handelt es sich um ein Jungtier, welches vermutlich in der ersten Hälfte des ersten Lebensjahres gefangen und getötet wurde. Die Jagd auf diese Tierart war bei den Römern sehr beliebt, wie zahlreiche Bildquellen verdeutlichen (C. Wustrow, Die Tierreste aus der römischen Villa von Borg, Kr. Merzig-Wadern, Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Bd. 113, Bonn 2004, 61). Auch galt Hasenfleisch als Delikatesse, und um der großen Nachfrage entgegenzukommen, verließ man sich nicht allein auf den Jagderfolg, sondern man hielt die Tiere in Wildgehegen, so genannten Leporarien (Varro 3, 12,4-5 (D. Flach (Hrsg.), Marcius Terentius Varro, Gespräche über die Landwirtschaft III, Darmstadt 2002), um stets darüber verfügen zu können, Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Hase im Material römischer Siedlungen regelmäßig anzutreffen ist.

 

Werkstattabfall

Auf eine Verarbeitung von Knochen innerhalb des Vicus weisen elf abgesägte Knochenenden bzw. -fragmente hin. Man bevorzugte für die Herstellung von Gerätschaften aus Bein die Langknochen (Radius, Tibia und Metacarpus) von Pferd und Rind. Fünf Knochenfragmente konnten lediglich Großsäugern zugeordnet werden und es muss offen bleiben, welches Skelettelement bearbeitet worden war, Ein Fehlschnitt auf einem Radius verdeutlicht, wie dünn die Sägeblätter der damaligen Zeit waren. Die Breite des Schnittes betrug nur 1,2 mm.

 


Abb. 1 - Werkstattabfall: Tibia, Radius, Metacarpus, Tibia (v. 1.) mit Sägespuren

 

Tierkörper

In die ausgediente Zisterne wurde, wie bereits erwähnt, nicht nur Hausmüll geworfen, sondern auch tote Tiere, die man aus ethischen Gründen nicht aß oder die an Krankheiten gestorben und somit für den Verzehr ungeeignet waren.

In diese Kategorie fallen mit Sicherheit die Hunde, von denen 202 Knochen im Material vorliegen und die mindestens sieben Individuen repräsentieren. Trotz des hohen Knochenverlustes (87 %) kann davon ausgegangen werden, dass ursprünglich wohl ganze Kadaver oder zumindest Teilskelette in die Zisterne gelangten. Der Verlust von den meist recht kleinen Knochen ist wohl eher darauf zurückzuführen, dass es im Rahmen einer Notgrabung vermutlich kaum möglich war, die gesamte Erde zu sieben oder zu schlämmen. Die Tatsache, dass viele der großen Röhrenknochen, nach ihrer Größe und der Struktur zu urteilen, paarweise vorliegen, stützt diese Vermutung. Die Altersspanne der Tiere ist recht groß und reicht von juvenil über subadult bis adult. Zwei der drei Welpen wurden nur ein bis drei Monate alt und auch das dritte Tier starb innerhalb des ersten halben jahres. Das Alter eines weiteren Hundes kann mit 8-13 Monaten angegeben werden, während es sich bei den restlichen drei Individuen um ausgewachsene Tiere (> 1,5 Jahre) handelt. Einer dieser Hunde muss relativ alt geworden sein, denn die Zähne weisen eine relativ starke Abkauung auf. Lediglich ein Rüde konnte im Material ermittelt werden, während das Geschlecht der übrigen Hunde unbekannt bleiben muss.

Über das Vermessen der Knochen bekommt man einen Einblick in die Größe und die Wuchsform der Hunde des römischen Vicus von Mamer. Die drei ausgewachsenen Individuen hatten eine Widerristhöhe von 30 cm, 35 cm und knapp 40 cm und sind in die Gruppe der Kleinhunde einzuordnen. Während zwei Tiere als normalwüchsig eingestuft werden können, weisen die Knochen des kleinsten Individuums einen kräftigen Wuchs auf, d.h. der Hund hatte relativ kurze, stämmige Beine. Nach der Wuchsform des Radi­us zu urteilen, müssten die Beine des Tieres aus Mamer in etwa Proportionen aufweisen, wie sie bei den heutigen Rassen Beagle und Pekinese zu beobachten sind, wenngleich es in seiner Körpergröße zwischen den beiden genannten Rassen liegt (Einordnung nach J. Peters, Römische Tierhaltung und Tierzucht. Eine Synthese aus archäozoologischer Untersuchung und schriftlich-bildlicher Überlieferung. Passauer Universitätsschr. zur Archäologie Bd. 5, Rahden/Westf.1998, 419, Abb. 64.).

 


Abb. 2 - Hund, pathologisch veränderte Tibia

Es gibt aber auch Hinweise im Untersuchungsmaterial, die eine Haltung größerer Hunde im Vicus annehmen lassen. So sind die Knochen eines Welpens trotz seines geringen Alters bereits fast so groß wie die der ausgewachsenen Tiere.

 Wenngleich genaue Angaben zur Endgröße des Tieres natürlich nicht möglich sind, so muss doch davon ausgegangen werden, dass er diese an Größe übertraf. Die beachtliche Vielfalt an Hundetypen, die seit der mittleren Kaiserzeit im Fundmaterial nördlich der Alpen zu verzeichnen ist, lässt sich also auch am Material aus Mamer recht gut belegen.

Einige der Hundeknochen weisen starke pathologische Veränderungen auf, die die Tiere stark in ihrer Bewegung eingeschränkt haben dürften. Zwei Rippenbrüche blieben vermutlich ohne nennenswerten Einfluss auf das Leben der Hunde, während eine nach einem Bruch nicht gerade zusammengewachsene Tibia dazu geführt hat, dass das Tier dieses Bein nicht mehr aufsetzen konnte (Abb. 2). Gleiches kann auch für ein weiteres Tier angenommen werden, welches sich das linke Vorderbein gebrochen hatte. Leider sind die beiden Bruchstücke von Radius wie auch von Ulna nicht wieder zusammengewachsen, so dass auch dieses Tier stark gehumpelt haben dürfte.

Bei den Resten der jungen Hühner, bei denen es sich zum Teil noch um Küken handelte, des Weißstorches, der Dohle und der Elster fällt eine klare Einordnung als Küchenabfall oder aber als entsorgte Tierkadaver schwer. Mit Ausnahme der Dohle gibt es für den Verzehr der übrigen Arten in römischer Zeit schriftliche wie auch archäologische Belege (C. Wustrow (Anm. 2) 91; J. André, Essen und Trinken im alten Rom, Stuttgart 1998, 104). Das Fehlen von Zerteilungsspuren an den Knochen, die Skelettelementverteilung (Weißstorch) wie auch die geringen Fleischmengen (Hühner) sprechen jedoch gegen eine Interpretation als Speise- und Schlachtabfälle. Plausibler erscheint die Vorstellung, dass man die verendeten Tiere, die nach einer Seuche anfielen oder aber die man zufällig in der Siedlung fand, in die Zisterne warf, um sich ihrer zu entledigen.

 


Abb. 3 -
Skelettreste vom Weißstorch

 

Von dem Weißstorch liegen 17 Knochen aus allen Bereichen des Körpers vor (Abb. 3). Die Ausbildung der Gelenke zeigt, dass das Tier zwar ausgewachsen war, vermutlich aber bereits im ersten Lebensjahr verstarb. Die wenigen Reste von Dohle (n= 4) und von Elster (n=2) stammen vermutlich von Tieren, die zufällig innerhalb der Siedlung verstarben. Beide Arten sind nicht selten in römischem Fundmaterial zu finden, da es sich bei beiden um Arten handelt, die nur wenig Scheu haben, in der Nähe menschlicher Ansiedlungen zu leben. Durch die antiken Quellen ist jedoch bekannt, dass die Römer Elstern und Dohlen wegen ihrer Sprechkünste in Gefangenschaft hielten und zähmten (O. Keller, Die antike Tierwelt Bd.ll, Leipzig 1913,110; C. Wustrow (Anm. 2) 100) , so dass ein engerer Kontakt zwischen den Bewohnern des Vicus von Mamer und den Tieren nicht von vornherein aus­geschlossen werden kann.

Die archäozoologische Untersuchung der in einer Zi­sterne gefundenen Tierknochen im Vicus von Mamer ergab, dass bei der Verfüllung dieses Objektes Kü­chen- wie auch Werkstattabfälle und einige tote Tiere entsorgt wurden. Gerade letztgenannte ermöglichen einen besseren Einblick in die römische Hundehaltung im Gebiet des heutigen Luxemburg, als es sich aus der Bearbeitung römischen Siedlungsmaterials bisher er­geben hat. Der Fund von Weißstorchknochen ist nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch zoologisch von Relevanz, da bislang nur vier römische Fundplätze (Römische Funde von Weißstorchresten in Tác-Gorsium (Ungarn), Longueil-Saint-Marie (Frankreich), Verneuil-en-Halatte Frankreich) und Borg (Deutschland) zitiert nach Wustrow (Anm. 2) 91) bekannt sind, auf denen diese Art gefunden wurde.



image
 
image
image
image