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Eine römische Ziegelei zwischen Mamer und Capellen
Notgrabung im Parc d'activités "Hiereboesch" 2002-2003 und 2008


 
Capellen-Hiereboesch, Gesamtplan der Anlage Capellen-Hiereboesch, Detailplan der Portikusvilla.
Gesamtplan der Anlage Detailplan der Portikusvilla
1. Ziegelbrennofen 1
2. Ziegelbrennofen 2
3. Portikusvilla
4. Pfostenbau (Produktions- und Lagerhalle)
5. Pfostenbau (Produktions- und Lagerhalle)
6. Ablagerunsgrube für Fehlbrände und Ofenabrissmaterial
7. Hauptentwässerungskanal


 

Entdeckung einer kleinen Portikusvilla


Knapp fünf Meter westlich der zweiten Ofenanlage liegen die Umrisse einer Portikusvilla.

Nur knapp 5 Meter westlich von dem zweiten Ofen wurden die Überreste eines Wohngebäudes mit Eckrisaliten und Portikus entdeckt. Die Struktur dieses Steingebäudes ist nur noch durch die Fundamentgräben der Mauern zu erkennen. Aufgehendes Mauerwerk sowie Kulturschichten im Innern der Wohnräume fehlen. Lediglich im Ostrisalit sind Überreste von zwei ineinanderlaufenden Gruben zu erkennen. Sie sind teilweise mit Holzkohle verfüllt.


Capellen-Hiereboesch, Blick auf die Ausgrabungsfläche 2008.
Blick auf die Ausgrabungsfläche 2008

Wenige Zentimeter nördlich von diesen Gruben verläuft der moderne Wasserleitungsgraben, welcher ebenfalls den Befeuerungsraum des zweiten Ofens durchtrennt. Er endet im zentralen Bereich des Wohngebäudes in einem größeren Schacht.

Da die Grabungs- und Grundstücksgrenze fast parallel zur Innenmauer des Portikus verläuft, konnten die gesamten Ausmaße dieser Portikusvilla nicht ergraben werden.

Ähnlich wie beim zweiten Ofen steht der schlechte Erhaltungszustand dieses Gebäudes in direktem Zusammenhang mit seiner Lage, da auf dem Hügelrücken das Mauerwerk der Erosion preisgegeben war. Ebenfalls möglich ist der Abriss des Gebäudes bereits in römischer Zeit, wobei die Mauersteine einer sekundären Verwendung zugeführt wurden.

Drei Abwasser- beziehungsweise Drainagegräben verlaufen, parallel in nordwestlicher Richtung vom Gebäude herführend, hangabwärts. Dem Gebäude vorgelagert sind 5 quadratische Pfostengruben. Eine kreisrunde Verfärbung in jeder Grube zeugt vom Durchmesser der ehemals eingesetzten Pfosten.

Weiter südlich und westlich vom Gebäude verläuft ein grubenförmiges Kanalsystem. Die Füllung besteht aus eingeschwemmtem Lehmboden, Dachziegelbruchstücken und Keramikgefäßteilen. Wozu dieses Kanalsystem diente, konnte nicht feststellt werden. Möglicherweise stand es in Zusammenhang mit den Drainagegräben der Portikusvilla.


Capellen-Hiereboesch, Von den Mauern waren zum Großteil nur die Fundamente erhalten geblieben.
Von den Mauern waren zum Großteil nur die Fundamente erhalten geblieben.

Im Laufe des Jahres 2008 wurden wir von Herrn Henri Hilgert, Eigentümer der Firma "Topgranit", welche sich auf dem Gelände der einstigen römischen Ziegelmanufaktur niedergelassen hat, kontaktiert, da er beabsichtigte seine Firma zu erweitern. Vom Bauvorhaben betroffen war insbesondere die Wiese nördlich der Anlage, in welcher wir weitere Teile der zur Ziegelmanufaktur gehörenden Strukturen vermuteten. Mittlerweile war es Herrn Hilgert gelungen, diese Wiese zu ersteigern.

Die von den Baumaßnahmen betroffene Fläche konnte dank der freundlichen Zuvorkommenheit des neuen Eigentümers mittels Suchgräben vorzeitig sondiert werden. Dabei wurde ersichtlich, dass lediglich in einem schmalen Streifen, angrenzend an die bereits untersuchte Fläche, archäologische Strukturen zu erwarten waren.

Bei der Ausgrabungen von 2008 gelang es, das Gebäude in seiner kompletten Ausdehnung zu ergraben. Dabei wurde ersichtlich, dass es sich um die Überreste einer typischen römischen Wohnhausform, der sogenannten Portikusvilla, handelte. Die Portikus (Säulenveranda) war dem Hauptwohnraum vorgelagert. Links und rechts der Portikus befand sich jeweils ein Risalit (Ecktürmchen). Weitere Unterteilungen im Innern sowie das VorhandenseinKellerräume konnten nicht festgestellt werden.

Die gesamte Ausdehnung des Gebäudes betrug rund 20 x 16 Meter.

Im Gegensatz zum bereits 2002/2003 ergrabenen Bereich der Villa, wurde im nun untersuchten westlichen Gebäudeteil eine Benutzungsschicht in Form eines verkohlten Holzbodens freigelegt. Eine bis zu 40 cm dicke Ziegelschotterung überlagerte diese Holzkohlestruktur und war die Ursache für deren hervorragenden Erhaltungszustand. Offensichtlich bestand unter dem Holzboden ein Hohlraum, in welchen die infolge einer Feuersbrunst verkohlten Holzbretter niedersanken. Die Ziegelschotterung wurde im Nachhinein, möglicherweise zum Planieren und Drainieren angelegt. Teile der verkohlten Holzbretter wurden von Fachkräften des Nationalmuseums entnommen, um auf Holzart und Fälldatum untersucht zu werden.


Capellen-Hiereboesch, Überreste des verkohlten Holzbodens; die Bretterstruktur ist deutlich zu erkennen.
Überreste des verkohlten Holzbodens; die Bretterstruktur ist deutlich zu erkennen.


Capellen-Hiereboesch, Entnahme von Holzkohleproben.
Holzkohleproben wurden von Herrn Rainer Fischer vom Nationalmuseum für Geschichte
und Kunst für die wissenschaftliche Untersuchung entnommen.

Im nördlichen Außenbereich des Gebäudes wurde entlang der Mauer ein mit Dachziegelfragmenten und zahlreichen Keramikscherben verfüllter Graben vorgefunden. Offensichtlich diente dieser als sogenannte Traufrinne, um das vom Dach herabfließende Regenwasser abzuleiten. Zur östlichen Hälfte desselben zweigt ein rechtwinklig dazu verlaufendes Grabenstück ab, welches in Richtung des nach Norden abfallenden Geländes ausschüttet. Ein ähnlicher Ableitungsgraben konnte rund um die Halle, in welcher der 2002/2003 ergrabene Ziegelbrennofen untergebracht war, nachgewiesen werden.

Der Hauptwohnraum hinter den Portikus war durch eine dort verlaufende Wasserleitung und einen dazugehörigen Schacht modern gestört worden, sodass in diesem Bereich die antiken Strukturen fehlten.

Im ungestörten westlichen Bereich (im Innen- und Außenbereich) konnten mehrere Pfostengruben belegt werden. Aufgrund ihrer Orientierung könnten diese durchaus in Zusammenhang mit den bereits 2002/2003 ergrabenen Pfostengruben stehen. Es wurde festgestellt, dass die Pfostengruben des Innenbereiches erst nach der Zerstörung des Holzbodens angelegt worden waren. Daraus erfolgt, dass es sich bei den Pfostenstellungen um Überreste eines Holzbaus handelt, welcher erst nach der Zerstörung des Steingebäudes errichtet wurde.

Einer der drei 2002/2003 ergrabenen Abwasserkanäle konnte in der Ausgrabungsfläche von 2008 weiter verfolgt werden. Dabei handelt es sich um jenen Kanal, welcher entlang der westlichen Außenmauer verlief. Dieser dürfte unter anderem der Entwässerung des Hohlraumes unter dem Holzboden des Hauptwohnraumes gedient haben.


Capellen-Hiereboesch, Teil des Abwasserkanals.
Teil des Abwasserkanals.

In der nordöstlichen Gebäudeecke wurde eine rechteckige Fläche mit Kalk- und Verputzresten festgestellt. Wobei es sich dabei handelte, konnte leider nicht mehr in Erfahrung gebracht werden.


Die Funde

Anders als bei der Grabungskampagne 2002/2003 wurde während der Ausgrabungsarbeiten von 2008 eine weitaus größere Anzahl an Fundstücken geborgen. Ein Großteil dieser Funde stammt aus dem Entwässerungsgraben im nördlichen Außenbereich des Gebäudes. Weitere Funde kamen im Bereich der bereits erwähnten Dachziegelschotterung über dem verkohlten Holzboden, beziehungsweise im Bereich der verkohlten Holzbretter zu Tage. Schließlich wurden bei der Säuberung der Mauerfundamente zahlreiche Funde aufgelesen.

Ein Großteil der Funde sind Keramikscherben von typischen Gefäßen, welche immer wieder in Wohnbereichen angetroffen werden: Amphorenscherben, Teile von sogenannten Kochtöpfen mit Deckel, Reliefsigillata, Faltenbecher, Trinkgeschirr und Reibschüsseln. Einige feine Glassplitter stammen von zerbrochenen Glasgefäßen. Grobe Flachglasscherben weisen eindeutig auf eine Fensterverglasung hin.

Zu den Metallfunden zählen Teile eines Siebes aus Bronze, verschiedene unbestimmbare Eisen- und Bronzeteile, Werkzeugteile aus Eisen und ein größerer Eisenring. Lediglich eine Münze (4. Jh.) kam zum Vorschein. Als besonderes Fundstück gilt ein in zwei Teile zerbrochener Fingerring aus Silber beziehungsweise aus einer Weißmetalllegierung.

Die Großzahl der Metallfunde stellen Eisennägel dar. Zum einen sind es gerade und am spitzen Ende zu 90° umgebogene Zimmermannsnägel und zum anderen T-förmige Halterungsnägel.

Die vielen Tierknochen und Zähne sind wohl als Küchenabfälle bzw. Essensreste anzusehen.

Zu den Architekturfunden zählen Dachziegel z. T. mit Fußabdrücken von Tieren (Hund und Huftiere), Muschelkalkfragmente, Verkleidungsziegel mit Haftrillen, Estrich- und Verputzteile und Hypokaustziegel.

Die Keramikfunde sind hauptsächlich ins zweite und dritte Jahrhundert n.Chr. zu datieren. Die Nadel einer Spiralfibel, ist im frühen ersten Jahrhundert anzusiedeln.

 

Nachtrag

Vom 24. Mai bis zum 18. Juli 2008 wurde während rund 600 Stunden in Capellen „Hiereboesch“ ausgegraben und ermöglichte es, die auf den Ausgrabungsresultaten von 2002/2003 basierenden Pläne nach Norden hin zu vervollständigen. Außer den bereits damals angeschnittenen archäologischen Strukturen sollten sich keine weiteren relevanten Befunde zeigen.

Die große Menge an Fundmaterial aus der Portikusvilla wird es ermöglichen, Erbauung, Benutzungs- und Zerstörungszeit dieses Wohngebäudes näher zu bestimmen.

Die römische Ziegelmanufaktur von Capellen „Hiereboesch“ zählt bis auf Weiteres zu den bestuntersuchten Anlagen dieser Art in den Nordwest-Provinzen des römischen Reiches.
 


Von der Ausgrabungsstätte ist nichts mehr zu sehen; sie wird nun von Erdmassen überdeckt ehe sie überbaut wird.


Alle Fotos und Zeichnungen, wenn nicht anders angegeben:
©
"D'Georges Kayser Altertumsfuerscher" (GKA)

 
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